Elena war sprachlos.
„Gabriel … sag das bitte nicht.“
„Doch“, antwortete der Junge entschlossen. „Du hörst mir zu.
Du wartest jeden Tag auf mich.
Du fragst mich immer, ob ich schon etwas gegessen habe.
Die anderen kennen nicht einmal meinen richtigen Namen.“
In diesem Moment trat Radu zu ihnen.
„Gabriel, alle Damen warten auf dich.“
Langsam erhob sich der Junge.
Er ging in die Mitte des Hofes, wo die fünf elegant gekleideten Frauen ihn mit erwartungsvollen Lächeln ansahen.
Radu beugte sich zu seinem Sohn hinunter.
„Na gut … Wen wählst du?“
Gabriel betrachtete jede einzelne Frau einige Sekunden lang.
Dann drehte er sich um.
Er ging an allen fünf Frauen vorbei.
Ohne zu zögern blieb er vor Elena stehen.
Sanft nahm er ihre Hand.
Mit lauter, klarer Stimme sagte er:
„Ich wähle Tante Elena.“
Augenblicklich wurde es in der ganzen Villa still.
Eine der Frauen lachte spöttisch auf.
„Das Kind versteht doch gar nicht, worum es geht.“
Gabriel wandte sich zu ihr um.
„Doch. Ich verstehe das sehr wohl.
Eine Mutter ist nicht die Schönste.
Sie ist nicht die Reichste.
Eine Mutter ist der Mensch, bei dem man keine Angst mehr haben muss.“

Niemand sagte noch ein Wort.
Radu beobachtete die Szene schweigend.
Zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau begriff er, dass er versucht hatte, mit Geld etwas zu ersetzen, das nur Liebe schenken konnte.
Elena zog ihre Hand langsam zurück.
„Herr Popescu … Ich möchte keine Schwierigkeiten verursachen. Wenn es nötig ist, gehe ich noch heute.“
Radu schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
Er trat zu seinem Sohn.
Dann schloss er ihn fest in die Arme.
Vielleicht war es die erste wirkliche Umarmung seit sehr langer Zeit.
Anschließend blickte er Elena an.
„Bitte bleiben Sie.
Nicht, weil Gabriel Sie gewählt hat.
Sondern weil ich heute erkannt habe, dass Sie der einzige Erwachsene in diesem Haus sind, der sich um ihn gekümmert hat, ohne jemals etwas dafür zu erwarten.“
Die fünf Frauen verließen die Villa schweigend.
In den folgenden Monaten versuchte Elena niemals, die Erinnerung an Gabriels Mutter zu ersetzen.
Sie half ihm bei den Hausaufgaben.
Sie machte ihm Mut.
Sie hörte ihm zu, wenn ihn etwas beschäftigte.
Und Radu begann nach und nach, wieder ein präsenter Vater zu werden und mehr Zeit mit seinem Sohn zu verbringen.
Viele Jahre später, bei der Abschlussfeier des Gymnasiums, betrat Gabriel die Bühne.
Noch bevor er sein Abschlusszeugnis entgegennahm, stieg er wieder hinunter in den Saal.
Er ging direkt auf Elena zu.
Er umarmte sie fest.
Leise flüsterte er ihr ins Ohr:
„Damals habe ich gesagt, dass ich dich wähle.
Und ich würde mich auch heute wieder für dich entscheiden.
Tausendmal.“
Elena brach in Tränen aus.
Denn in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass eine Familie manchmal nicht durch Blutsverwandtschaft entsteht.
Sondern durch Menschen, die sich jeden Tag aufs Neue füreinander entscheiden und füreinander da bleiben.



