— Ich habe die Reservierung storniert, Tanja. Und die Tickets zurückgegeben.
Tanja erstarrte mit dem blauen Badeanzug in den Händen. Bis zum Abflug waren es weniger als achtundvierzig Stunden. Auf dem Bett lag ein halb gepackter Koffer, als hätte die Reise bereits begonnen und wäre dann mitten im Satz gestoppt worden.
— Wie meinst du das, storniert? — sie legte den Badeanzug langsam oben auf den Stapel mit T-Shirts.
— Na so, wie ich es sage. Das Geld ist schon wieder auf dein Konto zurückgebucht. Abzüglich der Stornogebühren natürlich, aber das war nicht viel.
Viktor stand im Türrahmen des Schlafzimmers, die Schulter lässig an den Rahmen gelehnt. Er trug ausgeleierte Jogginghosen mit ausgebeulten Knien, als wäre jeder Ehrgeiz längst aus dem Stoff gewaschen worden.
In der Hand hielt er einen angebissenen Apfel. Sein Gesicht war ruhig, alltäglich, beinahe gleichgültig. Keine Spur von Unsicherheit, kein Hauch von Zweifel.
— Witi, wir waren seit drei Jahren nirgends mehr, — Tanja sprach erstaunlich gleichmäßig, obwohl sich in ihrer Brust alles zu einem engen, schmerzhaften Knoten zusammenzog. — Ich habe ab Montag Urlaub. Ich habe auf der Arbeit alles übergeben.
— Tanja, das ist ein Notfall. Bei meiner Mutter ist das Küchenrohr geplatzt. Alles stand unter Wasser. Der Linoleumboden hat sich gewölbt, die Unterschränke sind aufgequollen und auseinandergefallen.
Ich war gestern nach der Arbeit dort — das ist eine komplette Baustelle. Wände müssen getrocknet werden, der Boden aufgerissen, die ganze Küche ersetzt. Ich habe der Baufirma bereits eine Anzahlung überwiesen, morgen fahren wir Material einkaufen.
— Von unserem Urlaubsgeld?
— Wovon denn sonst? — er biss erneut in den Apfel, als wäre das Gespräch nebensächlich. — Wir haben kein anderes freies Geld mehr. Ein Teil ist schon für das Bankett zurückgelegt.
Es ist meine Mutter, Tanja. Familie hilft sich. Dein Meer läuft dir nicht weg. Nächstes Jahr fahren wir. Oder du erholst dich eben auf dem Landhaus. Die Wettervorhersage ist doch gut.
Er sagte das so beiläufig, als würde er einen Kinobesuch verschieben. Nichts daran klang wie eine Entscheidung, die auch sie betraf.
Tanja blickte auf den Koffer. In der Seitentasche lagen bereits Pässe, ausgedruckte Versicherungen und Hotelgutscheine. Sie hatte das Hotel zwei Wochen lang ausgesucht, Bewertungen gelesen, Preise verglichen, jeden Cent zweimal umgedreht.
— Du hast nicht einmal mit mir darüber gesprochen.
— Wozu denn diskutieren? — Viktor zuckte mit den Schultern. — Ich sage doch: Rohrbruch. Deine Mutter sitzt doch nicht freiwillig im Schimmel. Hättest du wirklich gesagt: „Nein, lass sie, wir fahren lieber ans Meer und bräunen uns den Bauch“? Ich habe uns nur die Diskussion erspart. So, ich gehe duschen.
Er drehte sich um und ging den Flur entlang. Kurz darauf hörte Tanja das Klicken des Schlosses und das Rauschen des Wassers.
Sie blieb noch einige Minuten stehen. Dann nahm sie wortlos die Pässe aus der Tasche und legte sie in die Schublade der Kommode. Sie begann, die Kleidung wieder auszupacken. Shorts, T-Shirts — alles wurde sorgfältig gefaltet und zurück in die Regale gelegt. Der leere Koffer wurde geschlossen und unter das Bett geschoben, als hätte er nie existiert.
Am nächsten Tag klingelte die Schwiegermutter an. Aljewtina Pawlowna sprach laut, im Hintergrund dröhnte ein Bohrhammer.
— Tanja, hallo! Viktor hat dir sicher schon alles erzählt, oder? Ach, diese Handwerker sind so gut, die haben die Fliesen ganz schnell abgeschlagen. Der Witi ist wirklich ein Schatz — er hat sogar italienische Fliesen gekauft, im Angebot erwischt! Ihr seid mir hoffentlich nicht böse wegen des Urlaubs.
Ihr seid doch noch jung, ihr reist schon irgendwann. Ich möchte einfach in meinem Alter noch eine saubere Küche haben. Viktor hat gesagt, du bist gar nicht enttäuscht.
— Ja, Aljewtina Pawlowna. Ich bin nicht enttäuscht. Auf Wiederhören.
Tanja beendete das Gespräch und legte das Telefon auf den Tisch. Auf der Arbeit fragten Kollegen überrascht, warum sie nicht im Flughafen sei. Sie antwortete knapp, dass sich die Pläne geändert hätten, und nahm zusätzliche Prüfaufträge an, nur um nicht nach Hause zu müssen.
Viktor verhielt sich, als wäre nichts passiert. Abends aß er zu Abend, erzählte vom Fortschritt der Arbeiten bei seiner Mutter und beschwerte sich über die Preise für Baumaterial.
Tanja hörte zu, nickte, füllte seinen Teller nach. Für Streit war keine Kraft da. Sie wusste, wie jeder Konflikt enden würde: Sie wäre die Undankbare, die Egoistin, die kalte Frau, die seine Mutter im Stich lassen will. Nach zehn Jahren Ehe war dieses Muster bis ins Detail eingeübt. Ihre Wünsche standen immer ganz unten auf der Liste.
Eine Woche später war die Küche der Schwiegermutter fertig renoviert. Viktor war zufrieden, fast erleichtert. Und nur wenige Tage danach begann er bereits begeistert über seinen bevorstehenden Geburtstag zu sprechen. Er wurde fünfunddreißig.
Die Feier war schon im Frühling geplant worden. Ein Saal im Restaurant „Alter Pier“ war reserviert, eine Gästeliste mit dreißig Personen erstellt: Verwandte, Kollegen, alte Freunde.
Eine Anzahlung von fünfzigtausend Rubel war bereits geleistet worden. Der Restbetrag — etwa weitere einhundertfünfzigtausend — sollte drei Tage vor dem Bankett bezahlt werden, sobald das endgültige Menü feststand. Das Geld dafür war separat zurückgelegt worden.
— Tanja, wir müssen morgen ins Restaurant fahren, — sagte Viktor beim Abendessen und wickelte Spaghetti um seine Gabel. — Mikhalytsch kommt doch mit seiner Frau, ich habe noch zwei Plätze ergänzt. Und wir müssen das Fleisch klären. Schweinesteaks und Fisch zur Auswahl, okay? Reicht das Geld auf der Karte?
— Es reicht, — antwortete Tanja und sah in ihren Teller.
— Perfekt. Morgen hole ich auch meinen Anzug aus der Reinigung.
Am Wochenende fuhr Tanja zu ihrer Mutter. Nina Wassiljewna lebte in einem alten Haus am Stadtrand, in einem ruhigen, aber verwitterten Viertel. Das Haus war stabil gebaut, verlangte jedoch ständig Pflege. In den letzten Tagen hatte es stark geregnet.
Als Tanja den Flur betrat, schlug ihr ein feuchter, abgestandener Geruch entgegen. In der Küche stand mitten auf dem Linoleumboden eine Plastikschüssel. Von der Decke tropfte Wasser, das sich über die vergilbten Tapeten zog und langsam in regelmäßigen Abständen in die Schüssel fiel — ein dumpfes, nervtötendes Geräusch.
— Mama, was ist das? — Tanja blieb in der Tür stehen.
Nina Wassiljewna wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und lächelte verlegen.

„Ja, weißt du, Tanja, das Dach ist undicht geworden. Das alte Dachpappe-Material ist völlig hinüber, letzte Woche hat der Wind schon ein ganzes Stück heruntergerissen, und jetzt kommen diese ständigen Regenfälle dazu. Ich habe im Dachboden zwar noch ein paar Tücher ausgelegt, aber das hilft kaum noch.“
„Warum hast du denn nicht angerufen?“
„Ach, wozu hätte ich euch beunruhigen sollen. Bei Viti läuft doch bei seiner Mutter auch gerade eine Renovierung, und ihr habt eure eigenen Sorgen. Ich habe gestern noch den Nachbarn, Onkel Kolja, gebeten, kurz raufzuschauen.
Er meinte, die Sparren seien teilweise schon verfault. Das Dach müsste eigentlich komplett neu gemacht werden. Ich war sogar bei der Bank und wollte einen Kredit aufnehmen, aber mit meiner Rente haben sie mir nichts gegeben. Naja, ich werde schon irgendwie langsam sparen. Bis zum Winter werden wir es irgendwie flicken.“
Tanja trat ans Fenster. Mit dem Finger strich sie über die feuchte Tapete, die sich an mehreren Stellen bereits löste. Die Oberfläche gab fast mühelos nach, als hätte sie nur darauf gewartet, abzufallen.
„Wie viel hat Onkel Kolja gesagt, würde es kosten? Wenn man es richtig macht, mit gutem Material und einer richtigen Firma?“
„Zu viel, Tanja. Rund zweihunderttausend hat er für Arbeit und Material geschätzt. Wo soll ich so viel Geld auf einmal hernehmen? Ich stelle eben weiter Eimer und Schüsseln hin, das ist nicht so schlimm.“
Tanja blickte auf die Tropfen, die rhythmisch in einen alten Plastikzuber fielen. Das Geräusch war gleichmäßig, fast beruhigend. In ihrem Kopf war es auf einmal erschreckend still.
Sie zog ihr Handy hervor und öffnete die Banking-App. Auf dem Sparkonto, das mit ihrer Karte verknüpft war, lag das Geld, das sie für den Jubiläumstag von Viktor zurückgelegt hatte. Hundertsechzigtausend. Dazu kam noch ihr Gehalt, das erst gestern eingegangen war.
„Mama, stell schon mal den Wasserkocher an. Morgen kommen die Handwerker.“
Am Montag nahm Tanja sich frei. Am Morgen traf sie sich mit dem Vorarbeiter der Dachdecker. Der Mann stieg ohne viele Worte auf den Dachboden, prüfte die Balken, klopfte hier und da gegen das Holz und machte sich Notizen. Am Ende legte er eine konkrete Kostenschätzung vor: zweihundertzehntausend inklusive Material.
„Wann könnten Sie anfangen?“, fragte Tanja ruhig.
„Wenn Sie wollen, schon morgen früh. Wir liefern das Material und legen los. Das Wetter soll besser werden. Sie zahlen siebzig Prozent Anzahlung, den Rest nach Fertigstellung.“
„Einverstanden.“
Von ihrer Mutter aus fuhr Tanja direkt ins Restaurant „Alter Hafen“. Die junge Empfangsdame mit dem Namensschild „Alina“ begrüßte sie freundlich.
„Guten Tag, Frau Tanja. Geht es um den Banketttermin am Samstag? Wollen wir das Menü finalisieren?“
„Guten Tag. Nein. Ich möchte die Reservierung stornieren.“
Alina blinzelte irritiert.
„Stornieren? Aber Ihr Bankett ist in fünf Tagen. Laut Vertrag wird in diesem Fall die Anzahlung abzüglich zehn Prozent einbehalten.“
„Ich weiß. Bitte stornieren Sie es.“
Tanja unterschrieb das Formular ohne Zögern. Das Geld sollte innerhalb von 24 Stunden, abzüglich einer kleinen Stornogebühr von fünftausend, zurücküberwiesen werden.
Draußen schlug ihr warmes Sonnenlicht entgegen. Sie setzte sich ins Auto, startete den Motor und überwies den Dachdeckern sofort hundertfünfzigtausend als Anzahlung. Dann legte sie das Handy weg und fuhr nach Hause.
Bis zum Jubiläum blieben noch zwei Tage.
Am Donnerstagabend kam Viktor in gehobener Stimmung von der Arbeit zurück. Er trug einen Anzug im Kleidersack, den er gerade aus der Reinigung geholt hatte, und hängte ihn sorgfältig an die Schranktür.
„Tanja, ich habe den Alkohol schon im Kofferraum. Wir müssen ihn morgen ins Restaurant bringen, die haben erlaubt, dass wir selbst mitbringen. Hast du das Menü bestätigt? Was ist mit dem Hauptgericht?“
Tanja saß auf dem Sofa und faltete gerade die trockene Wäsche. Sie nahm ein Handtuch, legte es exakt Kante an Kante zusammen.
„Nichts.“
Viktor erstarrte.
„Wie nichts? Hast du es vergessen? Morgen ist Freitag, die müssen doch einkaufen! Ich rufe gleich dort an…“
„Du brauchst nicht anzurufen“, unterbrach Tanja ruhig. „Ich habe die Reservierung storniert.“
Für einen Moment bewegte sich Viktor nicht. Als hätte er die Worte nicht richtig gehört.
„Welche Reservierung?“
„Die für dein Bankett. Im Restaurant. Ich habe die Anzahlung zurückgeholt. Wir feiern nicht.“
Stille füllte den Raum. Nur der Kühlschrank summte leise im Hintergrund.
„Du machst Witze“, sagte Viktor schließlich, seine Stimme wurde höher. „Das ist nicht dein Ernst. Ich habe dreißig Leute eingeladen. Familie aus der Region kommt extra.“
„Ich mache keine Witze. Das Geld ist bereits verwendet.“
Sein Gesicht verfärbte sich langsam.
„Wofür?! Da lagen zweihunderttausend drauf!“
„Das Dach deiner Mutter ist undicht. Die Balken sind verfault, alles muss erneuert werden. Ich war dort. Das Wasser läuft direkt in die Küche, die Tapeten fallen ab. Ich habe eine Firma beauftragt und das Geld überwiesen.“
Sie sprach ruhig, sachlich, ohne jede Emotion. Genau so ruhig, wie er vor zwei Wochen in der Schlafzimmertür gestanden hatte, als sie über ihre eigenen Probleme sprechen wollte.
Viktor öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Seine Atmung wurde schwer.
„Bist du verrückt geworden?“, flüsterte er schließlich. „Du hast mein Geld für meinen Geburtstag genommen? Zwei Tage vorher?!“
„Woraus hätte ich sonst nehmen sollen?“, antwortete sie und sah ihn direkt an. „Wir hatten keine freien Mittel. Es ist deine Mutter, Viktor. In einer Familie hilft man sich. Dein Geburtstag ist nur ein Datum. Der kommt wieder. Nächstes Jahr feierst du eben dann. Oder wir machen einfach etwas im Garten, grillen ein bisschen. Das Wetter soll gut werden.“
Viktor fuhr sich verzweifelt durch die Haare, griff dann hastig zum Telefon.
„Hallo! Ja, ich bin Viktor… die Bankettreservierung für Samstag… meine Frau hat storniert… das war ein Fehler! Ich will das rückgängig machen… was heißt vergeben? An wen?!“
Als er auflegte, war sein Gesicht aschfahl.
„Sie haben den Saal weitergegeben. Irgendeine Firma hat ihn für eine Firmenfeier gebucht.“
Tanja faltete weiter ruhig ihre Wäsche.
„Wie soll ich den Leuten ins Gesicht sehen?“, schrie Viktor plötzlich. „Meinen Freunden? Der Familie? Ich habe ihnen allen Ort und Zeit gesagt! Was soll ich ihnen erzählen? Dass meine Frau heimlich das Geld genommen und alles abgesagt hat?“
„Du sagst die Wahrheit“, antwortete Tanja ruhig. „Dass ein Notfall in der Familie passiert ist. Dass das Haus deiner Mutter dringend gerettet werden musste. Ich bin sicher, die meisten werden das verstehen.
Du hast selbst gesagt, dass es Situationen gibt, in denen man keine Wahl hat. Oder meinst du, deine Mutter verdient Hilfe, aber meine soll unter dem Regen mit Eimern stehen?“
Viktor starrte sie mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Tanja nachgab. Dass sie schluckte, schwieg, vielleicht weinte, aber dann alles wieder „normal“ machte. So hatte er sie immer gesehen: ruhig, angepasst, verlässlich.
Jetzt war sie etwas anderes. Kalt. Klar. Unnachgiebig.
„Du hast das absichtlich gemacht. Wegen dem Urlaub. Du rächt dich.“
„Ich habe nur unnötige Diskussionen beendet.“
Sie stand auf, nahm die fertige Wäsche und ging an ihm vorbei zum Schrank. Legte die Kleidung ordentlich hinein.
„Regel das selbst“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Bestell Pizza. Ruf alle an und sag, du bist krank. Es betrifft mich nicht. Ich fahre Samstagmorgen zu meiner Mutter, um die Arbeiten abzunehmen.“
Viktor sank langsam in den Sessel. Er starrte ins Leere. Zum ersten Mal begriff er, dass das keine spontane Emotion war, kein Streit, der sich wieder glätten ließ. Es war eine Entscheidung. Präzise, endgültig, ohne Spielraum.
Am Samstagmorgen saß Tanja mit einer Tasse Kaffee in der Küche. Viktor saß ihr gegenüber. Seine Augen waren rot, sein Gesicht erschöpft. Die ganze Nacht hatte er telefoniert, Ausreden erfunden, Termine verschoben, Gäste vertröstet.
Am Ende kamen nur zwei seiner engsten Freunde – für ein improvisiertes Treffen mit einfachen Salaten in der Küche.
Tanja stellte die leere Tasse in die Spüle, trocknete sie ab und nahm ihre Autoschlüssel.
„Alles Gute zum Geburtstag, Viktor“, sagte sie ruhig. „Ich fahre jetzt.“
Die Tür schloss sich hinter ihr. Draußen war der Morgen klar und sonnig. Als sie ins Auto stieg und das Fenster öffnete, strömte frische Luft herein. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte sie das Gefühl, wieder tief atmen zu können.



