**Teil 2 – Fortsetzung der Geschichte**
„Victor hat mir erzählt, dass ihr beide getrennt seid.“
Ich antwortete nicht sofort. Für ein paar Sekunden konnte ich nicht einmal begreifen, was Irina gerade gesagt hatte.
„Was?“
Irina drückte ihre Tasche fest an die Brust.
„Er sagte, ihr würdet nur noch zusammenwohnen, weil die Sache mit der Wohnung und einige finanzielle Angelegenheiten noch nicht geklärt seien. Aber eure Beziehung sei schon seit Monaten vorbei.“
Ich sah Victor an.
„Seit Monaten?“
„Elena, hör nicht auf alles, was …“
Irina drehte sich zu ihm.
„Auf was soll sie nicht hören? Du hast mir genau das gesagt.“
Victor schwieg.
„Du hast mir gesagt, ihr wärt getrennt“, fuhr Irina fort.
Ich stand auf.
„Seit wann läuft das zwischen euch?“
Victor mischte sich sofort ein.
„Da läuft nichts.“
Irina lachte bitter.
„Im Ernst?“
In diesem Moment verstand ich.
„Irina?“
Sie schloss kurz die Augen.
„Seit fast sieben Monaten.“
Sieben Monate.
Ich versuchte, mich an die vergangenen sieben Monate meines Lebens zu erinnern: unseren Hochzeitstag, das Wochenende in Brașov, Weihnachten bei meinen Eltern, die Renovierung unseres Schlafzimmers und all die Abende, an denen Victor spät nach Hause gekommen war und behauptet hatte, er hätte Besprechungen.
„Wusstest du, dass er verheiratet ist?“
Irina sah mir direkt in die Augen.
„Ja.“
Sie versuchte nicht, es zu leugnen.
„Ich wusste es. Aber er sagte, eure Ehe sei vorbei und ihr würdet nur vorübergehend zusammenwohnen.“
„Und das hat dir gereicht?“
Sie senkte den Blick.
„Am Anfang nicht. Später habe ich beschlossen, ihm zu glauben.“
Ich wollte Irina nicht von ihrer Verantwortung freisprechen. Aber sie war auch nicht die Person, die mir vor vierzehn Jahren Treue versprochen hatte.
Ich wandte mich Victor zu.
„Warum hast du sie hierhergebracht?“
„Sie ist meine Kollegin. Es war mein Geburtstag.“
„Ich habe nicht gefragt, warum sie eingeladen war. Ich frage dich, warum du die Frau, mit der du eine Beziehung hast, an einen Tisch gebracht hast, den deine Ehefrau für dich vorbereitet hat.“
„Weil es nicht so einfach ist.“
„Dann mach es einfach.“
Victor stand auf.
„Unsere Beziehung funktioniert schon lange nicht mehr.“
„Interessant. Offenbar hast du vergessen, mir das mitzuteilen.“
„Du weißt genau, dass wir Probleme haben.“
„Probleme zu haben und getrennt zu sein, sind zwei völlig verschiedene Dinge.“
„Ich war nicht mehr glücklich.“
„Und deshalb hast du einer anderen Frau erzählt, ich sei praktisch schon deine Exfrau?“
Er antwortete nicht.
Irina nahm ihren Mantel.
„Ich gehe.“
Victor wandte sich sofort zu ihr.
„Irina, warte.“
Dieser kleine, instinktive Moment sagte mir alles.
Die erste Person, die er aufhalten wollte, war sie.
Nicht ich.
Irina sah ihn kühl an.
„Warum? Damit du mir erklärst, dass auch das nur ein Missverständnis ist?“
„Wir können später unter vier Augen reden.“
„Genau das hast du sieben Monate lang gemacht.“
Sie ging zur Tür, doch plötzlich blieb sie stehen.
„Eine Frage habe ich noch.“
Victor sah sie an.
„Welche?“
„Du hast gesagt, dass du Elena nach deinem Geburtstag bitten würdest, für eine Weile auszuziehen. War das wahr?“
Ich starrte Victor an.
Er schwieg.
„Wohin sollte ich gehen?“, fragte ich.
„Elena …“
„Aus unserer Wohnung?“
„Ich wollte, dass wir etwas Abstand bekommen.“
„Wir? Du und wer?“
Wieder Schweigen.
Irina schlug die Hand vor den Mund.
„Mein Gott.“
Da begriff ich, dass auch sie nicht die ganze Wahrheit kannte.
„Was genau hat er dir erzählt?“
Irina zögerte.
„Dass die Wohnung wahrscheinlich ihm bleiben würde.“
Victor fuhr herum.
„Das habe ich nie gesagt!“
„Doch.“
„Ich sagte nur, dass wir das regeln würden.“
„Du hast gesagt, Elena würde wahrscheinlich ausziehen, weil du mehr Geld in die Wohnung investiert hättest.“
Ich begann zu lachen.
Victor wurde laut.
„Hört endlich auf, jedes einzelne Gespräch auseinanderzunehmen!“
„Warum? Weil deine verschiedenen Geschichten nicht zusammenpassen?“
„Weil heute mein Geburtstag ist und ihr daraus einen Zirkus macht!“
Ich betrachtete den noch immer gedeckten Tisch, die Gläser, die Teller und den Kuchen.
„Du hast den Zirkus in unser Haus gebracht, Victor.“
Irina ging.
Victor versuchte noch im Flur, sie anzurufen.
Sie nahm nicht ab.
Dann kam er zu mir zurück.
„Bist du jetzt zufrieden?“
Diese Frage war beinahe schlimmer als alles andere.
„Zufrieden?“
„Du hast dafür gesorgt, dass sie geht.“
„Ich? Du hast sie hierhergebracht.“
„Wir hätten morgen darüber reden können.“
„Du hast die Frau, mit der du mich betrügst, in unsere Wohnung gebracht.“
„Weil ich es satt habe, zwei Leben zu führen!“
Ich blieb vollkommen still.
Endlich hatte er die Wahrheit ausgesprochen.
„Dann führ keine zwei Leben mehr.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Was soll das heißen?“
„Dass wir morgen über unsere Trennung sprechen.“

„So eine Entscheidung trifft man nicht an einem einzigen Abend.“
„Du hast deine Entscheidung vor sieben Monaten getroffen.“
Danach versuchte Victor, die Verantwortung auf unsere Ehe zu schieben. Unsere Beziehung sei kalt geworden. Ich würde zu viel arbeiten. Wir seien zu vorhersehbar geworden. Er habe sich von mir nicht mehr wertgeschätzt gefühlt.
Vielleicht war manches davon sogar wahr.
Eine vierzehnjährige Ehe zerbricht selten wegen eines einzigen Problems.
Aber nichts davon erklärte seine Lügen.
Und schon gar nicht die Demütigung dieses Abends.
„Wenn du unglücklich warst, hättest du mit mir reden können.“
„Das habe ich versucht.“
„Nein. Du hast versucht, eine neue Beziehung aufzubauen, bevor du unsere beendet hast.“
Victor schlief in dieser Nacht im Wohnzimmer.
Am nächsten Morgen griff er als Erstes nach seinem Handy.
Ich bemerkte es.
„Sie hat dir nicht geantwortet?“
Er blickte auf.
„Das geht dich nichts an.“
„Du hast recht.“
Und zum ersten Mal ging es mich tatsächlich nichts mehr an.
In den folgenden Tagen wurde alles komplizierter, als ich erwartet hatte.
Victor wollte sich nicht sofort scheiden lassen.
Er wollte „Zeit“.
Er wollte herausfinden, ob wir unsere Ehe noch retten könnten.
Gleichzeitig versuchte er weiterhin, Irina zu erreichen.
Ich wusste es, weil er sich nicht einmal mehr die Mühe machte, es zu verbergen.
Wahrscheinlich glaubte er, dass es ohnehin keinen Sinn mehr hatte.
Trotzdem wollte er die gemeinsame Wohnung nicht verlassen.
Wir hatten sie vier Jahre nach unserer Hochzeit zusammen gekauft und beide den Kredit sowie die Renovierungen bezahlt.
Es gab kein magisches Dokument, das vierzehn gemeinsame Jahre an einem Nachmittag auseinanderdividieren konnte.
Und genau das war der schwierigste Teil.
Nicht die Schürze auszuziehen.
Nicht im richtigen Moment den perfekten Satz zu sagen.
Sondern vierzehn Jahre gemeinsames Leben auseinanderzunehmen.
Konten.
Möbel.
Kredite.
Das Auto.
Fotos.
Freunde.
Pläne.
Fast zwei Wochen später rief Irina mich an.
Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Ich möchte dich nicht stören“, sagte sie.
„Warum rufst du dann an?“
„Weil Victor mir weiterhin sagt, dass ihr euch sowieso scheiden lasst und du an diesem Abend nur so reagiert hast, weil du ihn bestrafen wolltest.“
Ich schloss die Augen.
„Ich habe die Scheidung eingereicht.“
Am anderen Ende herrschte Stille.
„Ihr lasst euch also wirklich scheiden?“
„Ja.“
„Dann könnten Victor und ich vielleicht …“
Ich unterbrach sie.
„Irina, was du nach meiner Scheidung mit Victor machst, ist nicht mein Problem. Aber benutze mich nicht, um herauszufinden, ob er dir die Wahrheit erzählt.“
Sie schwieg.
„Du hast recht.“
Bevor sie auflegte, sagte sie:
„Auch wenn es vielleicht nichts ändert: Es tut mir leid, dass ich an diesem Abend in dein Zuhause gekommen bin.“
„Du wusstest, dass er verheiratet war.“
„Ich weiß.“
„Dann musst auch du mit deinem Anteil an dieser Entscheidung leben.“
Danach sprachen wir nie wieder miteinander.
Die Scheidung dauerte Monate.
Die Wohnung wurde bewertet.
Keiner von uns konnte es sich leisten, den anderen auszuzahlen, ohne sich erheblich zu verschulden.
Also verkauften wir sie.
Es tat weh.
Nicht, weil die Wände selbst so wichtig gewesen wären.
Sondern weil jeder Raum eine Version meines Lebens enthielt, von der ich geglaubt hatte, dass sie weitergehen würde.
Am letzten Tag kam ich zurück, um meine letzten beiden Kisten abzuholen.
Victor war ebenfalls dort.
Die Wohnung war beinahe leer.
Nur der Tisch stand noch im Wohnzimmer.
Derselbe Tisch, an dem alles ans Licht gekommen war.
Victor sah ihn an.
„Das war ein ziemlich teurer Geburtstag“, sagte er.
Ich lächelte nicht.
„Nicht dein Geburtstag hat dich deine Ehe gekostet.“
Er nickte.
Dieses Mal versuchte er nicht, sich zu verteidigen.
„Ich weiß.“
Ich nahm meine Kisten.
Bevor ich ging, stellte ich ihm noch eine letzte Frage.
„Bist du noch mit Irina zusammen?“
„Nein.“
Ich fragte nicht nach dem Grund.
Es spielte keine Rolle mehr.
Victor würde in eine Mietwohnung ziehen.
Ich hatte eine kleinere Wohnung in der Nähe meiner Arbeit gefunden.
Unsere Ehe war vorbei.
Irina war nicht seine neue Ehefrau geworden.
Und ich war auch nicht über Nacht zu einer Frau mit einem perfekten neuen Leben geworden.
Ich hatte das Zuhause verloren, in dem ich geglaubt hatte, alt zu werden, und den Menschen, mit dem ich vierzehn Jahre meines Lebens verbracht hatte.
Doch eines wusste ich jetzt mit Sicherheit:
Nie wieder würde ich am Rand meines eigenen Tisches sitzen und zulassen, dass jemand anderes darüber entscheidet, welcher Platz mir zusteht.



