Fast drei Wochen waren vergangen, seit er gegangen war. Die ersten Tage fühlten sich an, als wäre die Zeit selbst eingefroren; die Welt schwieg, und jede Bewegung hallte leer wider.
Die Stille war schwer, und jeder Gegenstand, jeder Duft, jeder Schatten erinnerte an die Lücke, die er hinterlassen hatte.
Mit dem Herannahen des neunten Tages zeigten schwarze Schleier und leise Gebete die sichtbare Form der Trauer, doch in Katerina Ivanovnas Innerem füllte die Leere alles aus, was Stepan zurückgelassen hatte.
Die Wohnung, die zuvor so sorgfältig geputzt worden war, wirkte jetzt fremd und kalt. Die Wände schienen ihrem Blick zu widerstehen; in der Luft fehlte jede Regung seiner Seele. Jeder kleine Gegenstand,
der einst Heimat bedeutete, fühlte sich nun fremd an. Es war, als klaffe ein unsichtbarer Riss durch ihr Leben, und Katerina stand daneben, hilflos und starr.
Oleg und Sweta kamen. Nicht nur als Besucher, sondern um ihr zu helfen, die heimtückische, langsame Attacke der Trauer zu überstehen.
„Mama, wie fühlst du dich?“ fragte Sweta, während sie die Einkaufstaschen auf den Küchentisch stellte.
Katerina Ivanovna zuckte mit den Schultern. Wie hätte sie anders fühlen können? Vierzig Jahre hatte sie mit einem Mann gelebt, und nun… war nichts mehr da. Keine leise Gegenwart,
kein Atmen, kein kleines Murren, keine vertrauten Schritte im Flur. Nichts. Stepan. Ihr Stepan, der immer da gewesen war, der immer existierte, nun für immer verschwunden.
„Mama… wir sollten langsam seine Sachen durchsehen“, sagte Oleg vorsichtig, seine Stimme zitterte leicht, der Blick auf den Boden gerichtet. „Ich weiß, es ist schwer,
aber die vierzig Tage kommen schneller, als man denkt.“
Sie begannen mit dem Schrank. Sorgfältig gefaltete, kaum getragene Anzüge, abgetragene Arbeitshosen,
leicht verfilzte Pullover kamen zum Vorschein. Jeder einzelne verströmte denselben Duft: eine Mischung aus Zuhause und Naphthalin,
der friedliche, einfache Geruch von Jahrzehnten, der nun schmerzliche Erinnerungen weckte.
Katerina sortierte mechanisch: Das kann gespendet werden, das kommt ins Ferienhaus, das… weg damit. Dann bewegte Oleg das Bett, und es ertönte ein metallisches Klopfen.
Eine alte, eiserne Truhe tauchte auf, schwer, verrostet, mit einer dicken Staubschicht bedeckt.
„Was ist das?“ fragte Oleg, als er versuchte, sie zu heben.
„Oh… nichts Besonderes“, winkte Katerina ab, ihre Stimme brach. „Ein paar alte Werkzeuge. Er sagte,
sie seien noch aus der Fabrik. Oder Überbleibsel aus dem Militär. ‚Fass das nicht an, Katuschka‘, sagte er immer. ‚Alles staubig und wertlos.‘“
Doch das Schloss war massiv, zu stark für eine solche Truhe.
„Wo ist der Schlüssel?“ fragte Oleg.
„Keine Ahnung. Immer bei ihm am Schlüsselbund.“
Oleg ging in den Flur und kam mit einem Werkzeugkasten zurück. Nach einigen Minuten metallischen Klapperns öffnete sich das Schloss. Ein leises Klicken, und die Truhe war offen.
Sofort schlug ihnen der Geruch entgegen. Kein Staub, kein Moder. Etwas Scharfes, Fremdes, Unruhestiftendes lag in der Luft: erinnerte gleichzeitig an billiges Kölnischwasser, altes Leder und Waffenöl,
und Katerina spürte fast schmerzhaft, dass ein Geheimnis direkt unter ihrer Nase pochte. Oleg seufzte, Sweta hielt sich die Hand vor den Mund, Katerina beugte sich instinktiv näher.
Auf dem Deckel der Truhe lag ein dicker, sorgfältig gebundener Papierstapel. Oleg nahm ihn heraus.

Darunter lagen dicht gepackte Geldbündel, mit Gummibändern zusammengehalten – unzählige. Beunruhigend viele.
„Das… Mama… wie viel Geld ist das?“ fragte Oleg, seine Stimme stockte. „Und warum wusstest du nichts davon? So viel? Das ist schon der Preis einer Wohnung…“
„Da ist noch etwas“, murmelte Oleg und zog einige Pässe heraus. Katerina griff nach dem ersten. Bordeauxfarben, sowjetisches Muster. Auf dem Foto war Stepan zu sehen, aber der Name…
Jegorow. Jegor Nikolajewitsch. Der zweite Pass: dasselbe Gesicht, anderer Name. Der dritte… der vierte… Oleg erbleichte.
„Mama… das sind gefälschte Pässe“, flüsterte Sweta, die Stimme zitterte. „So etwas bewahrt kein normaler Mensch zu Hause auf.“
Doch das Schlimmste war noch nicht erreicht. Am Boden der Truhe lag ein schwarzes, ledergebundenes Notizbuch und ein Bündel alter, vergilbter Briefe,
zusammengebunden mit verblasstem Band. Oleg schlug das Notizbuch auf, seine Augen verdunkelten sich zunehmend.
Katerina griff nach den Briefen. Die Handschrift war weiblich, leicht schräg, in großen Buchstaben. „Mein Geliebter Jegor!“ Jegor. Nicht Stepan. Jegor – der Name im Pass.
„…Ich freue mich so, dass du gekommen bist. Valerka konnte es kaum erwarten, dich zu sehen. Er sieht dir so ähnlich, repariert immer etwas… genau wie du.“
„…Ich habe das Geld erhalten, danke, Liebling. Aber bitte pass auf deinen anderen Job auf. Ich bete jeden Tag für dich.“
Unterschrift: „Deine Veronika.“
Katerinas Hände zitterten fast, die Papiere fielen ihr fast aus den Händen. Sie hob ein Foto zu ihren Augen.
Dort stand ihr Mann – oder vielmehr Jegor – glücklich, beinahe jugendlich lächelnd, neben einer Frau, die sie nie gesehen hatte. Und zwischen ihnen ein etwa zehnjähriger Junge. Genau das Gesicht, das Stepan in jungen Jahren hatte.
Oleg schloss das Notizbuch.
„Mama… ist das eine andere Familie?“ flüsterte er. „Ein anderes Leben?“
Sweta brachte Wasser, aber Katerina schmeckte es kaum. Die Welt wurde auf einmal blasser, kälter und fremder.
Im Notizbuch standen Namen, Adressen, Summen und Notizen: „Überfällig.“ „Mit ihm sprechen.“ Ein vertrauter Name tauchte auf: Nikita, der Sohn ihrer alten Freundin Wera,
der vor sechs Monaten brutal vor dem Haus geschlagen wurde. Die Polizei fand keinen Täter. Ihr Mann hatte nur gesagt: „Wer Geld von der falschen Stelle verlangt, wird bezahlen.“ Jetzt verstand sie alles. Ihr Herz zerbrach langsam.
Oleg lief unruhig durch die Wohnung.
„Mama, das ist ein Verbrechen. Schmutziges Geld. Gefälschte Dokumente. Gott weiß, was noch. Wir müssen zur Polizei!“
Doch Katerina antwortete leise, aber bestimmt:
„Nein.“
Oleg knurrte fast:
„Aber warum nicht?“
„Er ist tot“, sagte Katerina, ihre Stimme war leise, aber fest. „Und ich… ich will nicht, dass dies sein Erbe wird.“
Oleg griff nach seinem Mantel und ging.
Katerina stand schließlich Stunden später auf. Der Schock war vorbei, doch an die Stelle der Trauer trat etwas anderes: Neugier, Schmerz und Angst zugleich.
Sie musste diese andere Frau sehen, dieses andere Leben. Am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg.
Im dritten Stock klingelte sie an der Tür, und eine Frau öffnete – etwas jünger als sie, erschöpft, aber mit schönen, tiefen Augen. Als sie den Namen ihres Mannes hörte… erstarrte sie.
„Sind Sie… seine Frau?“
„Ja“, sagte Katerina. „Und er kam zu dir als Jegor.“
Die Frau trat schweigend zur Seite und ließ sie eintreten. Im Flur hingen Familienfotos an den Wänden. Da war ihr Mann – strahlend, umarmend, lebendig – ein Leben,
das er nie mit ihr geteilt hatte. Und der Junge… derselbe Blick, dieselbe Bewegung, wenn er den Rucksack abnahm, wenn er hereinkam.
Katerina fühlte sich, als sei sie in ein fremdes Leben eingetreten, in dem ihr Mann glücklich war, und sie darin niemals vorkam.
Und dann erkannte sie, dass das Herz eines Menschen den größten Schmerz ertragen kann, doch die Qual der Täuschung alles andere verblassen lässt.







