Als sie das Grab ihres Mannes erreichte, bemerkte die Witwe ein großes Loch direkt neben dem Grabstein. Sie beugte sich vor, um hineinzusehen – und erstarrte vor Schreck.
Jeden Sonntag kam sie zu ihm, ohne Ausnahme. Es war fast ein Jahr seit seinem Tod vergangen, doch sie hatte keinen einzigen Besuch ausgelassen.
Schwarzes Kleid, schwarzer Schal, frische Blumen – alles war immer gleich. Nur ihr Herz wurde mit jeder Woche ein wenig schwerer.

An diesem Tag trug sie wie immer einen Arm voll Gladiolen und ging leise über die kiesbedeckten Wege zwischen den Grabreihen.
Doch als sie an der Grabstätte ankam, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Zuerst dachte sie, es sei ein Lichtspiel. Sie kniff die Augen zusammen – und spürte, wie ihr das Herz in die Magengrube rutschte.
Direkt neben der Platte, fast unter den Blumen, klaffte ein unregelmäßiges, dunkles Loch in der Erde. Als hätte jemand von innen gegraben. Oder – von außen?
Sie blieb abrupt stehen, kämpfte gegen das Zittern an. Die Blumen fielen ihr aus den Händen und landeten neben dem Loch. Plötzlich schien die Luft um sie herum dünner zu werden.

Vorsichtig trat sie näher und kniete sich hin. Die Erde ringsum war frisch aufgewühlt, weich, als wäre sie gerade eben umgegraben worden.
Ihre Hand legte sich instinktiv auf die Grabplatte – als suche sie selbst nach dem Tod noch Halt bei ihm.
– Das kann doch nicht sein… – flüsterte sie. – Hat jemand versucht, das Grab zu öffnen?
Dunkle Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Woher kam dieses Loch? Warum genau hier? Und wenn…?
Sie blickte tiefer hinein – und spürte, wie sich die Angst langsam an ihrer Wirbelsäule emporzog. Dann sah sie etwas, das sie zutiefst erschreckte – etwas vollkommen Unvorstellbares.
Am Rand der Öffnung entdeckte sie feine Spuren. Spitz zulaufend, wie Krallenabdrücke – aber viel zu klein für ein Raubtier.

Sie erinnerte sich an ein Buch, das ihr Mann den Enkeln früher oft vorgelesen hatte – über unterirdische Gänge und Maulwürfe. Sie beugte sich noch tiefer.
Der Tunnel führte schräg in die Erde, nicht senkrecht. Es war kein menschliches Werk. Und ganz sicher kein Zeichen böser Absicht.
– Maulwürfe… – flüsterte sie und atmete erleichtert aus. – Kleine, dumme Maulwürfe…
Sie setzte sich ins Gras und lächelte – zum ersten Mal seit vielen Monaten. Das Loch, das ihr zunächst einen archaischen Schrecken eingejagt hatte, stellte sich als harmloses Naturphänomen heraus.
Und ironischerweise war es genau dieses Loch, das der Witwe wieder ins Bewusstsein rief, dass das Leben weitergeht.
Selbst auf dem Friedhof, unter Blumen und Steinen, regt es sich – es kriecht, gräbt, atmet.
Sie richtete ihren Schal, schob vorsichtig etwas Erde an den Rand des Tunnels, legte die Blumen wieder nieder und sagte leise:
– Du hättest gelacht, nicht wahr? Ich sehe dich förmlich, wie du über all das einen deiner Scherze machst.



