**Teil 2 – Die Fortsetzung der Geschichte**
— Radu … komm bitte kurz her.
Er trat näher.
Alexandra griff in die Tüte und holte eine sorgfältig zusammengefaltete weiße Tischdecke heraus. An ihren Rändern waren kleine Blumen von Hand eingestickt.
Alexandra hielt sie in den Armen und betrachtete sie.
— Ich kenne diese Tischdecke.
— Woher?
Sie breitete sie ein wenig auf dem Tisch aus. In diesem Augenblick erinnerte sie sich.
— Sie gehörte meiner Großmutter.
Radu sagte nichts.
Alexandras Großmutter war vor sieben Jahren gestorben. Als Alexandra noch ein Kind gewesen war, wurde diese Tischdecke nur zu Ostern, an Weihnachten oder beim Besuch wichtiger Gäste hervorgeholt.
Ihre Großmutter breitete sie dann im guten Wohnzimmer aus und ermahnte Alexandra:
— Komm bloß nicht mit diesen schmutzigen Händen hierher!
Alexandra lachte jedes Mal und wischte ihre Hände an ihrem Kleid ab.
Nun strich sie mit den Fingern über dieselben Stickereien.
— Großmutter hat sie selbst gemacht.
Unter der Tischdecke lag eine kleine, alte Schachtel. Alexandra öffnete sie.
Darin befand sich ein Ehering.
Zunächst wagte sie nicht, ihn zu berühren.
— Nein …
Radu kam näher.
— Wem gehört er?
Alexandra kannte die Antwort bereits.
— Meiner Großmutter.
Ganz unten in der Tüte lag noch ein zusammengefalteter Zettel. Sie öffnete ihn. Die Handschrift ihres Großvaters war groß und zittrig.
„Alexandra,
deine Großmutter hat mir gesagt, dass ich diese Sachen für den Tag aufbewahren soll, an dem du heiratest.
Ich habe es nicht vergessen.
Passt gut aufeinander auf.
Großvater“
Alexandra las den letzten Satz zweimal. Dann setzte sie sich.
— Sieben Jahre …
— Was meinst du?
— Er hat ihren Ehering sieben Jahre lang aufbewahrt.
Sie nahm ihn vorsichtig zwischen die Finger.
Es war ein schlichter Ehering ohne Edelsteine. Niemand hätte ihn in einem Schaufenster betrachtet und behauptet, er sei ein Vermögen wert.
Für Alexandra aber war er unbezahlbar, denn ihre Großmutter hatte ihn fast fünfzig Jahre lang getragen.
Radu zog einen Stuhl heran und setzte sich neben sie.
— Jetzt verstehe ich, was es mit der Tüte auf sich hatte.
Alexandra sah ihn an.
— Was meinst du damit?
— Gestern Abend, als dein Großvater am Tisch saß, ging ich an ihnen vorbei. Ich hörte, wie jemand einen Witz über seine Tüte machte.
— Was für einen Witz?
Radu zögerte.
— Jemand sagte, vielleicht habe er euch Kartoffeln mitgebracht.
Alexandra runzelte die Stirn.
— Wer war das?
— Mirela.
— Deine Tante?
— Ja.
— Warum sollte sie so etwas sagen?
Radu strich sich über den Nacken.
— Weil sie auch gesehen hatte, wie viel Geld er in den Umschlag gelegt hatte.
Alexandra blieb regungslos stehen.
— Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
— Gar nichts.
— Radu.
— Sie hatte die hundert Lei gesehen.
Alexandra legte den Ehering zurück in die Schachtel.
— Und?
— Sie sagte, es sei sehr wenig. Allein das Hochzeitsmenü hätte mehr gekostet.
— Hat Großvater das gehört?
Radu antwortete nicht sofort.
— Ja, er hat es gehört.
Alexandra stand auf.
— Und du hast mir nichts davon erzählt?
— Es war unsere Hochzeit. Dein Großvater schien keine Auseinandersetzung daraus machen zu wollen.
— Das bedeutet nicht, dass es ihn nicht verletzt hat.
— Ich weiß.
— Wer war noch dabei?
— Einige Leute.
Alexandra nahm ihr Telefon.
— Was machst du?
— Ich rufe sie an.
— Mirela?
— Ja.
Radu hielt sanft ihre Hand fest.
— Warte.
— Worauf?
— Sie ist meine Tante. Deshalb möchte ich mit ihr sprechen.
— Über meinen Großvater?
— Über das, was sie auf unserer Hochzeit gesagt hat.
Alexandra sah ihn einige Sekunden lang an.
— Gut.
Radu rief seine Tante an und stellte das Telefon auf Lautsprecher.
Mirela meldete sich fröhlich:
— Sieh einer an, das Brautpaar! Seid ihr endlich aufgewacht?
— Tante, ich möchte dich etwas fragen.
Sein ernster Ton ließ sie verstummen.
— Was denn?
— Was hast du gestern Abend zu Alexandras Großvater über seinen Umschlag gesagt?
Es folgte eine Pause.
— Ach, Radu, deswegen rufst du mich an?
Alexandra verschränkte die Arme vor der Brust.
— Was hast du zu ihm gesagt?
— Nichts Besonderes. Ich habe nur eine Bemerkung gemacht.
— Welche Bemerkung?
— Ich sagte, er hätte von dem Wenigen, das er besitzt, nichts abgeben müssen. Mein Gott, müssen wir jetzt aus allem einen Skandal machen?

Alexandra trat näher an das Telefon.
— Hier ist Alexandra.
— Alexandra, Liebes, ich habe es doch nicht böse gemeint.
— Das weiß ich.
— Er tat mir wirklich leid.
— Genau das stört mich.
Mirela schwieg.
— Warum?
— Weil mein Großvater nicht zu unserer Hochzeit gekommen ist, damit irgendjemand Mitleid mit ihm hat.
— Aber ich habe ihn doch nicht beleidigt.
— Hast du ihm gesagt, das Hochzeitsmenü koste mehr als der Betrag, den er in den Umschlag gelegt hat?
Wieder entstand eine Pause.
— Vielleicht habe ich etwas in dieser Richtung gesagt.
— Und hast du auch den Witz mit den Kartoffeln gemacht?
— Es war doch nur ein Witz!
— Für dich.
Mirelas Tonfall veränderte sich.
— Alexandra, wenn du dich wegen eines Witzes gekränkt fühlst, tut es mir leid. Aber es waren nun einmal nur hundert Lei. Ich habe lediglich ausgesprochen, was alle am Tisch gesehen hatten.
Alexandra blickte auf die Tischdecke, die geöffnete Schachtel und den weißen Umschlag ihres Großvaters.
— Ja, darin waren hundert Lei.
— Na also, siehst du?
— Trotzdem möchte ich, dass du nie wieder darüber sprichst, wie viel Geld mein Großvater in seinen Umschlag gelegt hat.
— Aber warum machst du daraus so eine große …
— Weil es nur ihn und mich etwas angeht. Nicht den ganzen Tisch, nicht die anderen Gäste und auch nicht dich.
Mirela schwieg.
Alexandra fuhr fort:
— Er hat mir etwas geschenkt, das ich nicht gegen alle anderen Hochzeitsumschläge eintauschen würde.
— Was denn?
Alexandra sah Radu an.
— Das spielt keine Rolle.
Sie wollte es Mirela nicht erzählen. Das Geschenk durfte nicht zu einem Beweisstück werden, mit dem sie zeigen musste, dass ihr Großvater am Ende doch etwas „Wertvolleres“ geschenkt hatte.
— Ich bitte dich nur darum, nie wieder solche Witze über ihn zu machen.
Mirela seufzte.
— In Ordnung.
Radu beendete das Gespräch.
Alexandra blieb neben dem Tisch stehen.
— Ich möchte zu Großvater fahren.
— Heute noch?
— Ja.
Am selben Nachmittag machten sie sich auf den Weg ins Dorf.
Onkel Ilie war im Hof. Er trug seinen guten Anzug nicht mehr, sondern eine alte Hose, einen dicken Pullover und Arbeitsschuhe.
Als er die beiden am Tor sah, wischte er seine Hände an der Hose ab.
— Was macht ihr denn hier? Habt ihr nach der Hochzeit nicht ausgeschlafen?
Alexandra ging in den Hof und umarmte ihn. Der alte Mann verlor dabei beinahe das Gleichgewicht.
— Langsam, mein Kind. Was ist denn passiert?
— Ich habe die Tüte geöffnet.
Onkel Ilie verstand sofort.
— Ach so.
— Hat Großmutter dir wirklich gesagt, du sollst diese Dinge für mich aufbewahren?
— Ja.
— Wann?
— Lange bevor sie krank wurde. Du warst damals noch auf dem Gymnasium.
Alexandra wischte sich über die Wange.
— Und du hast es nicht vergessen?
Der Großvater zuckte mit den Schultern.
— Sie hatte es mir schließlich aufgetragen.
— Hast du ihren Ehering jemals bei dir getragen?
— Nein. Ich habe ihn in einer Schachtel im Schrank aufbewahrt.
— Sieben Jahre lang?
— Wohin hätte ich ihn denn sonst bringen sollen?
Alexandra lachte. Dann wurde sie wieder ernst.
— Großvater, hast du gestern Abend gehört, was sie über deinen Umschlag gesagt haben?
Onkel Ilie sah sie an.
— Ja, das habe ich gehört.
— Und auch das mit der Tüte?
— Auch das.
— Warst du verletzt?
Er winkte ab.
— Weshalb?
— Weil sie über dich gelacht haben.
— Lass sie reden.
— Aber sie haben gesagt, du hättest nur hundert Lei in den Umschlag gelegt.
— So viel habe ich auch hineingelegt.
— Ich weiß.
— Dann haben sie doch nicht gelogen.
Alexandra musste beinahe lachen.
— Darum geht es mir nicht.
Onkel Ilie setzte sich auf die Bank neben dem Haus.
— Alexandra, jeder gibt das, was er hat, mein Kind.
Sie setzte sich neben ihn.
— Und was hattest du?
Der alte Mann sah sie an, als sei die Frage völlig überflüssig.
— Die Sachen von deiner Großmutter.
Dann lächelte er.
— Und hundert Lei.
Alexandra lachte.
— Und hundert Lei.
Der Großvater klopfte ihr sanft auf die Hand.
— Benutze die Sachen.
— Den Ehering?
— Wenn du möchtest. Wenn nicht, bewahrst du ihn auf.
— Aber die Tischdecke ist schon sehr alt.
— Na und?
— Ich habe Angst, sie kaputt zu machen.
Onkel Ilie runzelte die Stirn.
— Deine Großmutter hat sie nicht bestickt, damit irgendjemand sie in einem Schrank versteckt.
Alexandra lächelte.
Am darauffolgenden Sonntag luden sie und Radu ihre Eltern zum Essen ein.
Zum ersten Mal seit der Hochzeit holte Alexandra die Tischdecke aus der Tüte ihres Großvaters und breitete sie vorsichtig auf dem Tisch aus.
In die Mitte stellte sie die kleine Schachtel mit dem Ehering ihrer Großmutter.
Den weißen Umschlag mit Onkel Ilies krummer Handschrift warf sie nicht weg. Auch den Hundert-Lei-Schein gab sie nicht aus.
Sie legte beides zusammen in eine Schublade.
Nicht, weil diese Dinge mehr wert waren als die anderen Geschenke, die sie zur Hochzeit bekommen hatten.
Sondern weil sie von ihrem Großvater stammten.
Und er hatte mit wenigen Worten alles gesagt, was gesagt werden musste:
— Jeder gibt das, was er hat, mein Kind.



