Ich habe doch gesagt: Olivier! — Viktor stand in der Türöffnung, hochrot im Gesicht, der Atem stank nach Schaumwein. Normale Ehefrauen kochen, und wo hast du dich herumgetrieben?
Ich war auf der Arbeit, — Marina klammerte sich an den Türrahmen, die Beine gaben nach. Notfall. Ich war seit vierundzwanzig Stunden wach…
Ist mir scheißegal! — Er packte sie an den Schultern und drehte sie zur Treppe. Alle Frauen sind Frauen, und du bist nur dem Namen nach eine!
Marina wich zurück auf den Treppenabsatz. Viktor machte einen Schritt hinterher, seine Augen flackerten.
Witja, warte, ich mach das schnell…
Raus hier, — er stieß sie gegen die Brust, nicht hart, aber sie stolperte und setzte sich auf die Stufen. Verschwinde. Ich will dich nicht mehr sehen.
Die Tür schlug zu. Erst das Schloss, dann die Kette.
Marina saß auf dem kalten Beton im Hausmantel und konnte nicht begreifen, was gerade passiert war. Eben noch war sie die Treppe hinaufgegangen, hatte nur an das Bett gedacht, an Schlaf — und dann das.
Hinter der Tür lief der Fernseher. Viktor hatte „Ironie des Schicksals“ eingeschaltet.
Sie ging eine Etage tiefer. Die Beine brannten — acht Stunden auf den Füßen, Bleche mit Broten geschleppt, während andere schon feierten. Das Treppenhaus roch nach Katzen und Kälte.
Die Tür öffnete sich erneut. Viktor warf etwas Dunkles nach unten.
Zieh wenigstens das an, du Blamage.
Marina hob die Jacke auf — alt, kindlich, die aus der fünften Klasse. Sie hatte sie all die Jahre auf dem Schrankboden aufbewahrt, ohne zu wissen warum. Sie zog sie über den Hausmantel.
Die Ärmel knirschten in den Nähten, über der Brust ging sie nicht zu. Sie steckte die Hände in die Taschen — vielleicht lag wenigstens ein Rubel darin.
Das Futter der rechten Tasche war aufgerissen, und ihre Finger tasteten etwas Flaches. Sie zog es heraus — ein kleines Heftchen, vergilbt, abgewetzt. Ein Sparbuch. Auf ihren Namen.
Marina starrte lange auf den Umschlag. Dann erinnerte sie sich.
Ihr Vater war gegangen, als sie zehn war. Die Mutter schrie in der Küche, warf Tassen.
Er stand im Flur mit einer Tasche, schloss die Jacke. Marina klammerte sich an seinen Ärmel, und er ging in die Hocke, schob ihr hastig etwas in die Tasche.
Das ist für dich. Zeig es niemandem, flüsterte er. Wenn du groß bist, verstehst du es.
Dann ging er. Sie sah ihn nie wieder.
Die Mutter sagte: Er hat uns verlassen, eine andere gehabt, auf uns gespuckt. Marina glaubte ihr.

Und die Jacke war nie weggeworfen worden.
Sie stand auf. Wohin sollte sie gehen? Zur Freundin war es weit, die feierte mit ihrer Familie. Geld hatte sie keines. Das Handy war in der Wohnung geblieben.
Aber die Bank — die Filiale mit Nachtdienst — lag zwei Blocks entfernt. Marina wusste genau, wo sie war. Jeden Tag ging sie daran vorbei, auf dem Weg zur Fabrik.
Sie ging barfuß hinaus. Der Frost schnitt in die Füße, sie ging schnell, fast rennend. In den Höfen dröhnte Musik, auf Balkonen lachten Menschen.
Marina presste das Sparbuch in der Faust und dachte an nichts, setzte einfach einen Fuß vor den anderen.
In der Filiale war es warm und leer. Die Diensthabende — etwa fünfundzwanzig, glatter Pferdeschwanz — sah auf und erstarrte.
Geht es Ihnen schlecht? Soll ich einen Krankenwagen rufen?
Nein, — Marina legte das Büchlein auf den Tresen. Ich muss das Konto prüfen.
Die Frau nahm es, blätterte.
Das ist ein altes Format. Lange nicht benutzt?
Zwanzig Jahre.
Haben Sie einen Ausweis?
Nein.
Die Frau seufzte, sah auf Marinas nackte Füße, auf den Hausmantel unter der Jacke.
Sagen Sie mir Ihr Geburtsdatum.
Marina nannte es. Die Finger tippten, die Stirn runzelte sich. Dann erstarrte die Frau vor dem Bildschirm.
Der Name stimmt, sagte sie langsam. Aber ohne Ausweis darf ich kein Geld auszahlen. Nur Informationen.
Sagen Sie einfach, was drauf ist.
Eine Pause.
Das Konto ist aktiv. Monatliche Einzahlungen aus Norilsk. Letzte vor einem Monat.
Wie viel?
Mit Zinsen… — sie sah wieder auf den Bildschirm, die Stimme wurde leiser — über zwölf Millionen.
Marina verstand nicht sofort. Fragte nach. Die Frau wiederholte es, klar, Silbe für Silbe.
Es gibt noch eine Nachricht vom Absender. Möchten Sie sie sehen?
Marina nickte.
Der Monitor drehte sich. Eine Adresse — in ihrer Stadt, Viertel mit alten Fünfgeschossern — und zwei Zeilen:
Vergib mir. Komm, wenn du kannst.
Die Angestellte rief selbst ein Taxi, gab Marina ihren Pullover, um den Hausmantel zu bedecken. Der Fahrer stellte keine Fragen, sah nur kurz in den Spiegel.
Die Gegend war vertraut — dort hatte Marina ihre Kindheit verbracht. Abblätternde Häuser, rostige Schaukeln.
Dritter Stock. Sie stand lange vor der Tür, wagte nicht zu klingeln. Dann drückte sie.
Ein Mann öffnete — groß, grauhaarig, in Arbeitskleidung. Er sah sie an, und sein Gesicht zuckte.
Marinka, hauchte er.
Sie schwieg.
Komm rein, sagte er leise.
Die Wohnung war winzig, sauber, roch nach frischer Farbe. Werkzeuge auf dem Tisch, in der Ecke ein selbstgebautes Regal.
Der Vater führte sie in die Küche, setzte sich ihr gegenüber.
Du hast das Sparbuch gefunden.
Ja.
Seine Hände lagen auf dem Tisch — groß, von alten Schwielen gezeichnet.
Ich habe mich nicht getraut zurückzukommen. Ich dachte, du hasst mich. Deine Mutter hatte recht — ich habe damals getrunken.
Warum bist du später nicht zurückgekommen?
Angst. Du bist ohne mich groß geworden. Ich habe nur gespart.
Mama sagte, du hättest eine andere Familie.
Es gab niemanden. Nur dich.
Seine Augen wurden feucht.
Du darfst mich hassen.
Marina stand auf, legte ihm die Hand auf die Schulter.
Ich hasse dich nicht.
Er drückte ihre Hand fest.
Marina kam erst am Morgen des ersten Januar zurück. Sie hatte im Hotel geschlafen. Sie kaufte Kleidung, Schuhe. Dann fuhr sie zu Viktor.
Er öffnete zerknittert.
Ach, du bist’s. Komm rein. Wischst die Böden, dann vergessen wir das.
Sie reichte ihm den Umschlag.
Was ist das?
Scheidungspapiere. Schlüssel.
Bist du verrückt? Glaubst du, dich nimmt noch jemand?
Leb wohl, Viktor.
Er schrie ihr nach, bis sie im Taxi saß. Das Auto fuhr los. Viktor blieb zurück.
Drei Tage später arbeitete sie mit dem Vater.
Eine Bäckerei, sagte sie.
Kannst du backen?
Zwanzig Jahre in der Fabrik.
Er lächelte vorsichtig.
Die Bäckerei öffnete im März. Klein. Warm. Voller Duft.
Menschen kamen.
Eines Morgens bat eine Frau um Brot ohne Geld. Marina gab es ihr.
Abends saßen sie mit Tee am Fenster.
Manches Schlechte kommt zur richtigen Zeit, sagte der Vater.
Marina legte die alte Jacke auf den Tisch.
Alles kann sich in einer Nacht ändern.
Sie schlossen die Bäckerei, gingen nebeneinander durch die Stadt — zwei Menschen, die sich verloren und wiedergefunden hatten.
Manchmal muss man alles verlieren, um zu begreifen, was man wirklich hat.



