**Etappe 1. „Das Geheimnis des Heilers“ wird zu einem Namen**
Bis zum Herbst konnte Natalja die Menge der Bestellungen nicht mehr allein bewältigen. Die Nachfrage nach ihren Produkten war so stark gestiegen, dass sie gezwungen war, zu handeln.
Sie stellte zwei Frauen aus dem Dorf ein, gründete offiziell ein Einzelunternehmen und begann, ihre eigene Marke für natürliche Heil- und Pflegekosmetik aufzubauen – unter dem Namen „Das Geheimnis des Heilers“.
Am Anfang wirkte alles sogar ein wenig absurd, selbst für sie. Ein altes Holzhaus, eine Veranda, die kurzerhand zu einem kleinen Labor umfunktioniert wurde, zwei Nachbarinnen in weißen Kitteln, die sie über einen Online-Marktplatz bestellt hatten, und Tante Walja, die nicht nur Pakete auslieferte, sondern gleichzeitig wie eine lebende Werbetafel für den Balsam wirkte – mit einer Begeisterung, als würde sie an jedem verkauften Glas persönlich verdienen.
„Natasha, ich sag dir eins“, rief sie jedes Mal, wenn sie mit ihrer großen Tasche voller Briefe auftauchte, „deine Salbe ist in der ganzen Bezirksklinik schon wie eine eigene Währung!
Die Therapeutin hat mir gesagt: ‚Valentina Michailowna, wenn Sie wieder zu Natalja gehen, bringen Sie mir gleich zwei Dosen für meine Mutter mit.‘ Zwei! Eine Ärztin, hörst du das? Eine Ärztin!“
Natalja lachte. Doch nicht sofort. Am Anfang war da nur Angst. Angst vor jedem Auftrag, vor jeder Bewertung, vor jeder neuen Charge. Sie hatte ständig das Gefühl, dass ein einziger Fehler alles zerstören könnte.
Sie prüfte Inhaltsstoffe mehrfach, notierte Temperaturen beim Ansetzen der Öle, Haltbarkeitszeiten, Lieferchargen und sogar die Namen der Kunden. In ihr lebte noch die alte Natalja – die Ehefrau eines wohlhabenden Mannes, die Ordnung kannte, aber Freiheit nie wirklich gelernt hatte.
Jetzt jedoch begann die Ordnung ihr zu dienen.
Im Frühjahr des folgenden Jahres nahm der erste Bio-Laden in Twer ihre Produkte ins Sortiment auf. Dann ein zweiter. Kurz darauf kam eine Anfrage aus Moskau. Eine junge Influencerin mit über einer Million Followern kaufte zufällig eine ihrer heilenden Cremes und veröffentlichte eine Story:
„Ich weiß nicht, was das für eine ländliche Magie ist, aber meine Hände nach Retinol sind gerettet.“
Innerhalb einer Nacht brach die Website unter der Flut der Bestellungen zusammen.
Natalja saß in der Küche des alten Familienhauses, vor einem Laptop, der kaum noch mit den eingehenden Benachrichtigungen Schritt halten konnte, und starrte auf den Bildschirm, als hätte sich vor ihr eine völlig neue Realität geöffnet.
In dieser Nacht schlief sie nicht.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Aufregung.
Denn zum ersten Mal kamen die Einnahmen nicht als Almosen eines Ehemanns, nicht als stille Entschädigung für Geduld, nicht als Preis für eine bequeme Rolle.
Sie kamen für ihre Arbeit.
Für ihr Risiko.
Für ihren eigenen Namen.
**Etappe 2. Ein Haus, das kein Versteck mehr war**
Nach anderthalb Jahren war das alte Haus kaum wiederzuerkennen.
Die schiefe Veranda wurde durch eine breite Holzterrasse ersetzt. Die Wände wurden gereinigt und gedämmt, wobei die natürliche Blockholzstruktur bewusst erhalten blieb.
Im Inneren roch es nicht mehr nach Feuchtigkeit und Verfall, sondern nach Leinöl, getrockneter Minze, Lindenblüten und frisch bearbeitetem Holz. Dort, wo früher ein baufälliger Schuppen stand, entstand ein kleiner Produktionsbau mit Fußbodenheizung, Belüftungssystem, sterilen Arbeitszonen und einem eigenen Lager für Rohstoffe.
Über dem Tor hing nun ein Schild:
„Manufaktur für Naturkosmetik ‚Das Geheimnis des Heilers‘“
Die Dorfbewohner lachten anfangs darüber. Dann gewöhnten sie sich daran. Schließlich begannen sie sogar stolz darauf zu sein.
„Wir haben hier jetzt eine richtige Produktion, wie im Fernsehen“, sagte Tante Walja jedem, der es hören wollte. „Nur ohne diese ganze Chemie. Natalja macht alles nach Wissenschaft – und nach den alten Heftchen ihres Großvaters.“
Für das Dorf war Natalja längst keine „städtische Verwöhnte“ mehr. Sie war jemand geworden, der Arbeit geschaffen hatte.
Eine Frau füllte Gläser ab. Eine andere führte das Lager. Der Mann von Tante Walja baute Holzkisten für Geschenksets. Ein junges Mädchen aus dem Nachbardorf übernahm die sozialen Medien. Sogar der örtliche Feldscher arbeitete beratend mit – er warnte vor Produkten, die bei Allergien oder chronischen Erkrankungen problematisch sein könnten.
Natalja wuchs mit ihrem Unternehmen.
Sie ging nicht mehr so, als würde sie sich für ihre eigene Existenz entschuldigen. Ihre Schultern waren aufgerichtet. Sie trug ihr Haar kürzer und färbte es nicht mehr in dem makellosen dunklen Ton von früher. Die ersten grauen Strähnen an den Schläfen ließen ihr Gesicht überraschend würdevoll wirken.
Im Spiegel sah sie eine Frau von fünfundvierzig Jahren.
Keine junge Frau mehr.
Keine verlassene Ehefrau.
Kein „Ex von Andrej“.
Sondern eine Eigentümerin.
Ihres Landes.
Ihrer Arbeit.
Ihrer Zeit.
**Etappe 3. Moskau erinnert sich an sie**
Andrej tauchte nicht sofort wieder auf.
Zuerst waren es nur Gerüchte.
Eine Bekannte aus ihrem früheren Moskauer Leben schrieb vorsichtig:
„Hast du gehört, Andrej hat die Wohnung verkauft?“
Natalja blickte lange auf den Bildschirm. Früher hätte eine solche Nachricht alte Wunden sofort aufgerissen. Jetzt war da nur noch ruhige Neugier.
„Nein“, antwortete sie knapp.
Die Bekannte lieferte natürlich sofort die Details nach.
Alina, die „Neue“, hatte es weniger als ein Jahr an seiner Seite ausgehalten. Am Anfang gefielen ihr Restaurants, Geschenke, Reisen und das Gefühl, mit einem Mann zusammen zu sein, der scheinbar alles bezahlen konnte.
Doch als Andrej begann, große Verträge zu verlieren, als das Geld nicht mehr in Strömen floss, sondern nur noch tropfenweise, als sich zeigte, dass ein Statusmann ohne stabile Einnahmen im Grunde nur ein erschöpfter Mensch mit teuren Gewohnheiten ist, suchte Alina schnell Ersatz.
Jünger.
Reicher.
Ohne erwachsene Kinder aus früheren Beziehungen und ohne eine Midlife-Crisis, die man mit Bewunderung versorgen musste.
Zuerst versuchte Andrej, sie mit Geschenken zurückzugewinnen. Er nahm Kredite auf. Dann verkaufte er sein Auto. Danach verpfändete er seinen Geschäftsanteil. Schließlich zerstritt er sich mit seinen Partnern.
Die Wohnung – dieselbe luxuriöse Moskauer Immobilie, in der er einst über Natalja gelacht hatte – ging schließlich zur Schuldentilgung verloren.
Natalja schaltete das Telefon aus.
Sie fühlte keine Freude.
Nur ein kaltes, fast sachliches Verständnis: Ein Mensch, der sein Leben auf der Bewunderung anderer aufbaut, bricht schneller zusammen als jemand, der es auf Boden, Arbeit und Geduld gründet.
**Etappe 4. Der erste Anruf**
Drei Jahre nach jenem Novemberabend rief Andrei selbst an.
Natalja stand in der Werkhalle und kontrollierte eine neue Charge Creme mit Zedernharz. Auf dem Display erschien ein unbekannter Name – doch die Nummer erkannte sie sofort. Nicht sofort bewusst, eher wie ein Reflex des Gedächtnisses, das dem Verstand einen Schritt voraus war.
Sie ging nicht ran.
Er rief erneut an.
Wieder drückte sie ihn weg.
Kurz darauf kam eine Nachricht:
„Natascha, hier ist Andrei. Ich muss mit dir sprechen. Es ist sehr wichtig.“
Sie starrte auf den Bildschirm und hörte gleichzeitig wieder seine Stimme aus der Vergangenheit:
„Wer braucht dich schon mit deinen dreiundvierzig?“
Damals hatte er das leicht gesagt. Lachend. Wie ein Urteil, das keine Unterschrift mehr braucht.
Jetzt schrieb er: *sehr wichtig*.
Erst am Abend antwortete sie:
„Worum geht es?“
Die Antwort kam fast sofort:
„Ich möchte persönlich vorbeikommen.“
„Warum?“
Fünf Minuten Stille.
„Um mich zu entschuldigen. Und um Hilfe zu bitten.“
Da war es also.
Keine Liebe.
Keine Reue.
Hilfe.
Natalja lächelte sogar. Nicht bitter. Eher erschöpft.
Sie schrieb:
„Komm am Freitag um 14:00 Uhr. Die Adresse kennst du. Das Gespräch dauert höchstens zwanzig Minuten.“
„Danke“, antwortete er.
Sie schrieb nicht „bitte“.
Denn es gab nichts zu danken.
Drei Jahre Einsamkeit, Arbeit, Schmerz, Wiederaufbau, Entscheidungen, Kälte, Ofenwärme, Truhe, Kräuter, Münzen, erster Auftrag, erste Ablehnung, erster Sieg.
Er sollte kommen.
Und sehen.
**Etappe 5. Er kam zu diesen Toren**
Am Freitag hielt Andrei um halb zwei vor dem Tor.
Natalja sah ihn über die Kamera ihres Telefons. Er stieg aus einem alten Taxi, trug einen dunklen Mantel. Er war nicht mehr der Mann von früher: Die Schultern hingen, das Gesicht war eingefallen, an den Schläfen zeigte sich Grau, der Blick wirkte verloren. In der Hand hielt er eine Akte. Keine Blumen. Kein Geschenk. Nur eine Akte.
Er stand vor dem Schild „Das Geheimnis des Kräuterkundigen“ und schien einen Moment lang nicht zu glauben, dass er wirklich hier war – an dem Ort, an dem einst ein halb verfallenes Haus ihres Großvaters gestanden hatte.
Am Tor erschien Tante Walja.
„Zu wem wollen Sie?“
„Zu Natalja“, sagte er. „Natalja Matwejewna.“
Er stolperte über das Patronym. Früher hatte er sie nie so genannt. Für ihn war sie „Natascha“, „Nat“, seine Frau – später nur noch „alt“.
Tante Walja musterte ihn.
„Und Sie sind?“
„Ihr Ex-Mann.“
Die Frau sah ihn von oben bis unten an, mit demselben Blick, mit dem sie sonst altes Brot prüfte.
„Ach. Der also.“
Andrei wurde blass.
„Welcher?“
„Der dachte, vierzig drei sei ein Ablaufdatum. Kommen Sie rein. Die Chefin erwartet Sie.“
Natalja hörte diesen Satz erst später – und lachte Tränen.
**Etappe 6. Er war fassungslos**
Man führte ihn durch den Hof.
Er ging langsam, schaute sich um. Auf der einen Seite ein Gewächshaus mit Heilpflanzen. Auf der anderen ein Lager mit ordentlich beschrifteten Regalen. Aus der offenen Tür der Werkhalle kamen Frauen in Kitteln und Hauben, die Kisten mit etikettierten Gläsern trugen.
Auf der Terrasse standen Holzkisten mit Logo. Neben der alten Birke beim ehemaligen Brunnen gab es jetzt eine Bank.
Natalja wartete in ihrem Büro.
Kein Kopftuch mehr. Kein gedemütigtes Gesicht. Keine Bitte, in sein früheres Leben zurückzukehren.
Sie saß hinter einem breiten Tisch aus hellem Holz, in einem dunklen grünen Kleid – schlicht, aber hochwertig –, mit einer silbernen Brosche in Form eines Wermutblatts. Vor ihr lagen Dokumente, Verpackungsmuster und ein Laptop.
Andrei trat ein und blieb an der Tür stehen.
Er war fassungslos.
Das war sofort zu sehen.
Er sah sie an, den Raum, die Diplome an der Wand, die Lieferkarte, das Regal mit den Tagebüchern ihres Urgroßvaters hinter Glas.
„Natascha…“, flüsterte er.
„Natalja Matwejewna“, korrigierte sie ruhig. „So nennt man mich hier.“
Er schluckte.
„Verzeih mir.“
„Für den Namen oder für das Leben?“
Er schloss kurz die Augen.
„Für alles.“
Sie deutete auf den Stuhl gegenüber.
„Setz dich. Du hast zwanzig Minuten.“
**Etappe 7. Die Türen, an die er vergeblich klopfte**
Andrei setzte sich.
Die Akte lag schwer auf seinen Knien.
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“
„Dann fang mit dem Grund deines Besuchs an. Die Zeit läuft.“
Früher hätte ihn dieser geschäftliche Ton gereizt. Jetzt hatte er Angst, auch nur eine dieser zwanzig Minuten zu verlieren.
„Ich habe fast alles verloren“, sagte er. „Die Wohnung, das Auto, meinen Geschäftsanteil. Wir streiten vor Gericht mit Partnern. Kredite erdrücken mich. Ich muss eine Schuld begleichen, sonst nimmt die Bank meine Werkstatt.“
Natalja schwieg.

Er sprach hastig weiter:
„Ich war bei Freunden, bei ehemaligen Partnern, bei Verwandten. Alle haben abgelehnt. Ich war sogar bei Alina…“ – er lachte bitter – „Sie hat mich nicht einmal empfangen. Die Security sagte, ich sei unerwünscht.“
„Und jetzt bist du zu mir gekommen.“
„Ja.“
„Weil ich die letzte Tür bin?“
Er sah sie an.
„Weil du immer die zuverlässigste warst.“
Sie neigte leicht den Kopf.
„Interessante Formulierung. Als ich ging, nanntest du es anders. Komfortzone, Abhängigkeit, Alter.“
Er wurde blass.
„Ich war ein Idiot.“
„Nein, Andrei. Ein Idiot versteht nicht immer, wohin er trifft. Du wusstest es.“
Er widersprach nicht.
„Ich wusste es.“
Stille füllte den Raum.
Draußen lachten Frauen aus der Werkhalle. Das Leben ging weiter. Ihr Leben.
**Etappe 8. Das Angebot, das nicht angenommen wird**
„Wie viel brauchst du?“, fragte Natalja schließlich.
Er wurde sofort lebendig.
„Vier Millionen. Ich zahle alles zurück. Mit Vertrag, mit Zinsen. Ich kann Equipment verpfänden, meinen Anteil…“
Sie hob die Hand.
„Ich habe nicht gefragt, weil ich vorhabe, es dir zu geben.“
Sein Gesicht fiel in sich zusammen.
„Aber du kannst es doch…“
„Kann ich.“
„Warum dann nicht?“
Natalja trat ans Fenster.
Draußen lag Spätherbst. Nicht so kalt wie in jener Nacht, als sie mit einem einzigen Koffer hier angekommen war. Jetzt war der Hof gepflegt, die Wege mit Holzschnitzeln bedeckt, in den Gewächshäusern brannte warmes Licht.
„Weil Hilfe keine Pflicht einer Frau gegenüber einem Mann ist, der sie einmal wie abgelaufene Ware aus seinem Leben geworfen hat.“
„Ich habe dich nicht weggeworfen…“
Sie drehte sich um.
„Du hast gelacht, Andrei. Du hast gesagt: ‚Wer braucht dich mit 43.‘ Du bist nicht nur gegangen. Du wolltest, dass ich gebrochen gehe.“
Er senkte den Kopf.
„Ich weiß.“
„Und jetzt bist du nicht hier, weil du meinen Wert verstanden hast. Sondern weil dein Preis auf dem Markt der Bewunderung gefallen ist.“
Die Worte trafen ihn härter als jeder Schrei.
Er umklammerte die Akte, bis sie sich verbog.
„Also rächst du dich.“
„Nein. Ich investiere nur nicht in einen Bankrotteur, der bereits bewiesen hat, dass er die Fähigkeit besitzt, fremdes Vertrauen zu verbrennen.“
**Abschnitt 9. Das Dokument**
Plötzlich griff Andrej in seine Mappe und zog ein einzelnes Blatt Papier hervor. Seine Bewegungen wirkten hastig, fast verzweifelt, als würde er an diesem Dokument seine letzte Hoffnung festhalten.
— Ich bin bereit, alles zu unterschreiben, sagte er. — Wirklich alles. Jede Bedingung. Ich würde dir sogar einen Anteil an meinem Geschäft übertragen, wenn du die Werkstatt rettest.
Natalja nahm den Blick nicht sofort von ihm, dann glitt er langsam auf das Papier in seiner Hand.
— Du bietest mir einen Anteil an einem Unternehmen an, das praktisch am Abgrund steht?
Ihre Stimme war ruhig, aber scharf wie kalter Stahl.
— Es kann wieder aufgebaut werden, antwortete er schnell. — Du kannst das. Du hast doch alles andere auch wieder aufgebaut.
Ein kurzes, bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.
— Ich habe mein Leben aufgebaut, Andrej. Nicht deins.
Stille senkte sich zwischen ihnen. Schwer, dicht, unangenehm. Er schwieg, als hätte ihm jemand die Luft genommen.
In diesem Moment öffnete sich die Tür des Büros leise. Lisa, seine Assistentin, steckte den Kopf herein.
— Natalja Matwejewna, entschuldigen Sie bitte… Vertreter einer Handelskette aus Sankt Petersburg sind angekommen. In zehn Minuten beginnen die Verhandlungen.
Natalja nickte ruhig.
— Danke, Lisa. Bereiten Sie den Konferenzraum vor.
Die Tür schloss sich wieder, und die Stille kehrte zurück – noch deutlicher als zuvor.
Andrej sah sie an, als würde er sie in diesem Moment neu erkennen, als hätte er erst jetzt verstanden, wer sie geworden war.
— Eine Petersburger Kette? wiederholte er überrascht.
— Ja, antwortete sie ruhig. — Wir erweitern unsere Lieferungen.
— „Wir“?
— Das Unternehmen. Das Team. Die Menschen, die an mich geglaubt haben, als ich selbst kaum noch an mich glauben konnte.
Er senkte den Blick und sagte leise:
— Ich habe auch einmal an dich geglaubt.
Natalja schüttelte kaum merklich den Kopf.
— Nein. Du hast von dem gelebt, woran ich geglaubt habe. Das ist etwas anderes.
**Abschnitt 10. Nicht Geld, sondern eine Antwort**
— Ich werde dir die vier Millionen nicht geben, sagte Natalja schließlich klar und ohne Zögern. — Aber ich gebe dir den Kontakt eines guten Anwalts für Insolvenz und Schuldenrestrukturierung. Ehrlich, kompetent.
Er wird keine Wunder bewirken, aber er kann dir helfen, nicht alles endgültig zu verlieren – wenn du aufhörst, dich hinter deinem Stolz zu verstecken.
Andrej sah sie an, verwirrt, fast verloren.
— Das ist alles?
— Nein. Noch etwas: Verkaufe, was du nicht halten kannst. Und hör auf, Frauen hinterherzulaufen, die du früher selbst herabgesetzt hast.
Er zuckte zusammen, als hätte ihn jedes Wort getroffen.
— Du bist grausam, sagte er leise.
— Nein, antwortete sie ruhig. — Ich bin klar.
Lange Zeit sagte er nichts mehr.
Dann stellte er plötzlich die Frage, die in ihm gearbeitet hatte:
— Bist du wirklich glücklich?
Natalja schwieg einen Moment, als würde sie ihre eigene Wahrheit abtasten.
— Nicht jeden Tag. Aber ich lebe jeden Tag. Das war früher nicht so.
Er atmete schwer aus.
— Und wenn ich damals nicht gegangen wäre?
Sie sah ihn lange an, ohne Emotion, ohne Eile.
— Dann würde ich vielleicht immer noch in deiner schönen Wohnung sitzen, Angst vor dem Älterwerden haben, Angst zu widersprechen, Angst davor, mich selbst kennenzulernen. Also nein, Andrej. Ich bin dir nicht dankbar. Aber ich bin mir dankbar, dass ich nicht zurückgegangen bin.
Er nickte langsam, als hätte er ein Urteil akzeptiert.
— Ich verstehe.
— Gut.
**Abschnitt 11. Die letzte Schwelle**
Er stand auf. Die Mappe hielt er nun nicht mehr wie eine Waffe und auch nicht wie eine Rettungsleine – eher wie etwas, das plötzlich schwer geworden war und ihn dennoch nicht mehr retten konnte.
An der Tür blieb er stehen.
— Natasha…
Sie sah ihn ruhig an.
— Natalja Matwejewna, korrigierte er sich mühsam. — Darf ich etwas Letztes fragen?
— Frag.
— Hast du jemals gefehlt?
Diese Frage hing schwer in der Luft.
Natalja antwortete nicht sofort. Ihre Gedanken gingen zurück, suchten, prüften, sortierten.
— Ja, sagte sie schließlich. — In den ersten Monaten. Aus Gewohnheit. Aus Erinnerung an die Frau, die ich neben dir war. Und an das Leben, das ich für echt hielt. Aber dann habe ich verstanden, dass ich nicht dich vermisst habe. Sondern die Illusion.
Andrej schloss kurz die Augen.
— Danke, dass du ehrlich bist.
— Bewahre dir diese Ehrlichkeit. Sie ist mehr wert als vier Millionen.
Er drehte sich um und ging.
Natalja blieb am Fenster stehen und beobachtete, wie er über den Hof ging. Vor dem Tor blieb er stehen. Er sah noch einmal zurück – auf das Haus, auf die Werkstatt, auf die Menschen.
Und vielleicht zum ersten Mal verstand er, dass die Wege, die er nun gehen würde, ihn nicht mehr zu ihr führten.
Sondern zu sich selbst.
**Abschnitt 12. Die Frau, die sie geworden war**
Am Abend trat Natalja hinaus unter die alte Birke.
Dort, wo einst ihr Urgroßvater eine kleine Blechdose vergraben hatte. Die Bank war mit dem ersten Schnee bedeckt. Sie setzte sich trotzdem, ohne zu zögern, und spürte die Kälte kaum.
In ihren Händen hielt sie eine Tasse Kräutertee – Minze, Hagebutte, ein Hauch Thymian.
Vor drei Jahren war sie hierhergekommen als gebrochene Frau. Ihr Mann hatte sie damals „überflüssig“ genannt.
Jetzt hatte sie ein Haus, ein Geschäft, ein Team, Menschen, die ihr vertrauten. Sie hatte Hände, die von Arbeit geprägt waren, Augen, in denen Ruhe lag, und eine Stärke, die keine Bestätigung mehr brauchte.
Sie erinnerte sich an diesen einen Abend in der Stadtwohnung:
Glasfassaden.
Teure Möbel.
Sein Lachen.
Und die Worte, die sie damals zerstört hatten:
„Wer braucht dich schon mit 43?“
Die Antwort war nicht sofort gekommen. Sie war langsam gewachsen – mit jedem Stück Holz, das sie getragen hatte, mit jedem Glas Wasser aus dem Brunnen, mit jedem Auftrag, jedem ersten Erfolg, jeder kleinen Entscheidung, die sie allein getroffen hatte.
Und nun war sie eindeutig.
Sie brauchte sich selbst.
Die Menschen, die sie beschäftigte.
Die Kunden, denen sie half.
Dieses Land.
Dieses Haus.
Ihre Geschichte.
Andrej gehörte nicht mehr dazu. Und genau das war keine Leere, sondern Freiheit.
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von Lisa:
„Natalja Matwejewna, die Vertreter aus Sankt Petersburg haben zugestimmt. Morgen unterschreiben wir die Vorvereinbarung.“
Natalja lächelte.
Über Tjomnye Ključi fiel langsam der Schnee – weich, still, erneuernd.
Sie stand auf, strich den Schnee von ihrem Mantel und ging zurück zum Haus, in dessen Fenstern warmes Licht brannte.
Zu ihrem eigenen Schwelle.
Nicht, weil jemand sie hereingelassen hatte.
Sondern weil sie ihn selbst gebaut hatte.



