Eine Frau besetzte im Bus gleich zwei Plätze, und als ein junger Mann versuchte, sich auf einen davon zu setzen, brach ein regelrechter Skandal aus.
Vorort. Morgen. Bezirkszentrum.
Der Bus war bis zum Bersten gefüllt. Die Luft war stickig wie in einer Sauna, kein freier Platz weit und breit.
Ich stieg an der Haltestelle neben dem alten Laden ein und entdeckte einen freien Platz am Fenster. Auf dem Nachbarsitz saß eine etwa fünfzigjährige, korpulente Frau mit geschminkten Lippen.
Auf ihrem Schoß ruhte eine große Plastiktüte. Daneben – frei.
Die Frau beanspruchte zwei Plätze, und als ein junger Mann sich auf einen setzen wollte, begann sofort der Streit.
Ich beugte mich höflich vor:
— Entschuldigen Sie, ist hier frei?
Die Frau verzog das Gesicht, als hätte ich sie um ihre Seele gebeten:
— Der Platz ist besetzt!
— Und wer sitzt da?
Sie wedelte abweisend mit der Hand, als wollte sie eine Fliege verscheuchen:
— Geht dich nichts an. Ich will meine Tasche hier ablegen!
Die anderen Fahrgäste sahen sich an, und ich war sprachlos. Welches Recht nahm sie sich heraus?
Ich setzte mich vorsichtig hin, ohne ein Wort. Ich habe weder gedrängelt noch sie berührt. Ich nahm einfach den freien Platz.
Und dann begann es:
— Was machst du da, du unverschämter Kerl?! Ich habe doch gesagt, der Platz ist besetzt!
— Hier sitzt niemand, und auch keine Sachen liegen da. Sehen Sie nicht, dass nicht einmal Platz zum Stehen bleibt? — antwortete ich ruhig.
— Ich will nicht, dass du neben mir sitzt! Ich habe ein Ticket bezahlt, ICH HABE DAS RECHT!
— Wirklich? Haben Sie zwei Tickets bezahlt?

Sie zögerte eine Sekunde. Dann rief sie laut, damit es jeder hörte:
— Das geht dich nichts an! Steig aus, du Idiot!
Eine Stimme von hinten:
— Gnädige Frau, haben Sie denn gar keine Scham…
— Mischen Sie sich nicht ein! — schrie sie. — Ich will alleine sitzen!
Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Die Frau stand auf und stieg aus dem Bus… nicht an ihrer Haltestelle.
Die Kontrolleurin trat ein. Selbstbewusst, mit der Haltung einer Frau, die gewohnt ist, Ordnung zu schaffen.
— Was ist hier los?
Die Frau begann zu jammern:
— Er hat sich neben mich gesetzt! Ich habe ihm gesagt, dass er das nicht tun soll! Es ist schwer für mich! Die ganze Fahrt über saß ich allein!
Die Kontrolleurin, bestimmt:
— Zeigen Sie bitte Ihr Ticket.
— Warum?
— Mit nur einem Ticket haben Sie Anspruch auf einen Sitzplatz. Die anderen stehen im Gang.
Die Frau kramte in ihrer Tasche und zog ein Ticket heraus. Nur eins. Standard.
— Kein Problem — sagte die Kontrolleurin. — Der Herr darf sitzen bleiben. Wenn Sie alleine reisen möchten, zahlen Sie für zwei Plätze oder steigen Sie aus. Ein Taxi – das ist Ihr gutes Recht.
— Ich werde mich beschweren! — schrie die Frau.
— Dann tun Sie das. Bis dahin halten wir uns an die Regeln.
Im Bus regte sich Zustimmung:
— Ganz richtig so!
— Wir haben genug von solchen Leuten!
— Respekt muss gegenseitig sein!
Ein alter Mann aus der letzten Reihe murmelte:
— Kein hoher Blutdruck… sondern hoher Nervendruck.
Die Frau sprang auf, presste die Tüte wie eine kugelsichere Weste an sich und stellte sich demonstrativ in den Gang. Sie schaute aus dem Fenster und atmete schwer. Der Platz war frei.
Ich wechselte meinen Platz nicht. Ich fuhr einfach weiter. Draußen zogen Bäume und Laternenpfähle vorbei. Die Menschen beruhigten sich. Manche dösten, andere flüsterten.
Und ich dachte: Merkwürdig – so viel Platz um uns herum, und doch so wenig Respekt.



