— Ach, Ljudotschka, zahl du bitte, ja? Ich glaube, ich habe meine Karte auf dem Flurtischchen liegen lassen!
Ljubow Petrowna schlug die Hände so theatralisch zusammen, dass selbst die Kassiererin mit der Packung Tiefkühlgarnelen in der Hand kurz innehielt.
Hinter uns raschelte die Schlange ungeduldig. Freitagabend. Alle wollten nach Hause. Nur wir standen hier und führten wieder einmal unser kleines Stück auf.
— Natürlich, Ljubow Petrowna, — sagte ich ruhig und griff wie selbstverständlich nach meinem Handy. — Das passiert.
Das Terminal piepte. Der Kassenbon kroch in einer endlosen weißen Schlange aus dem Drucker. 4.800 Rubel.
Davon gehörten mir Hüttenkäse, Milch und ein Brot. Der Rest waren „Kleinigkeiten“ für die Mutter meines Mannes:
luftgetrocknete Wurst, die ich mir selbst nur zu Neujahr gönne, roter Fisch und natürlich ein Kilopaket dieses goldschimmernden Kaffees, der so viel kostet wie ein halber Wocheneinkauf.
Auf dem Weg zum Auto schnitten die Plastiktüten in meine Finger. Ljubow Petrowna trug ihre Handtasche — jene Tasche, die vor fünf Minuten angeblich „völlig leer“ gewesen war.
Sie ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und begann in ihrem hellen, beinahe fröhlichen Ton zu zwitschern:
— Sei mir nicht böse, Ljudotschka. Mein Gedächtnis ist wie ein Sieb geworden.
Wenn die Rente kommt, gebe ich dir jeden Kopeken zurück! Du weißt doch, ich bin ein ehrlicher Mensch.
Ich schwieg.
Ich liebe Zahlen. Tabellen. Präzision. Und meine inneren Berechnungen zeigten ein deutliches Minus.
Das Muster war längst erkennbar.
Fünfmal in zwei Monaten. Immer dieselbe Inszenierung.
„Ich brauche nur etwas Brot und Kefir, allein tragen ist so schwer.“
Im Supermarkt landeten dann der teure Kaffee im Wagen. Im Fleischregal ein saftiges Filet. Im Süßwarenbereich Pralinen in Geschenkboxen.
Ich sagte nichts. Ich war ja eine gute Schwiegertochter. Meine Mutter hatte immer gesagt: „Ein schlechter Frieden ist besser als ein guter Streit.“
Zu Hause ging alles weiter wie von selbst. Wir packten aus. Sie trank Tee, aß die Pralinen und sprach über das Wetter und magnetische Stürme.
Und von Schulden — keine Spur mehr.
Und wie spricht man eine ältere Frau auf Geld an? Es fühlt sich kleinlich an. Beschämend.
— Pascha, kannst du nicht mit ihr reden? — bat ich meinen Mann an einem Abend, nachdem ich auch noch ihr Taxi bezahlt hatte.
— Das wird zur Gewohnheit. Fünf Tausend hier, drei Tausend da, heute wieder fast fünf. Wir haben eine Hypothek. Das Auto muss repariert werden.
Pascha hob nicht einmal den Blick vom Laptop.
— Ljud, fang doch nicht wieder an. Sie ist meine Mutter. Sie hat die Karte vergessen, na und? Das Alter. Sie hat uns Piroggen gebacken, auf die Kinder aufgepasst.
Ist dir das Geld für meine Mutter zu schade?

Ich wollte schreien: „Nein! Mir ist nur widerlich, für dumm gehalten zu werden.“
Aber ich schwieg. Ich schlug mein Notizbuch auf und schrieb:
„Oktober gesamt: minus 12.500 Rubel wegen ‚Vergesslichkeit‘.“
Das war der Preis meiner Geduld.
Am nächsten Samstag rief sie früh an. Ihre Stimme war ungewöhnlich munter.
— Ljudotschka, kommst du vorbei? Waschmittel ist im Angebot, und zum Tee habe ich gar nichts mehr.
Ich sah meinen Mann an, der friedlich schlief. Dann mein Portemonnaie.
Und plötzlich wusste ich: Es reicht.
— Natürlich, Ljubow Petrowna. In einer halben Stunde bin ich da.
Ich bereitete mich sorgfältig vor. Kreditkarte raus. Bargeld raus.
Münzen raus. Ich nahm nur eine einzige Karte mit — mit exakt dreihundert Rubel darauf. „Für den Notfall“.
Im Laden war sie in Hochform.
— Schau, Kaviar im Angebot! Zwei Gläser nehmen wir. Pascha liebt doch seine Morgenbrote.
— Und dieser Käse! Erinnerst du dich, wie köstlich der war?
— Und Kaffee! Unbedingt Kaffee, meiner ist gerade leer!
Die rote Packung landete wie ein Triumph auf dem Berg aus Delikatessen.
Ich schob den Wagen und fühlte eine merkwürdige Ruhe. So fühlt sich wohl jemand, der keine Angst mehr hat.
An der Kasse war es voll. Drei Kinder vor uns wollten Schokolade.
Hinter uns stand ein Mann mit einer großen Packung Mineralwasser, der nervös auf die Uhr blickte.
Kaviar. Käse. Wurst. Kaffee. Mein Kefir und mein Brot verschwanden zwischen Luxus und Überfluss.
— 5.240 Rubel, bitte, — sagte die Kassiererin müde.
Der Moment kam.
Ljubow Petrowna griff routiniert in ihre Tasche. Ich kannte die Choreografie. Zehn Sekunden Wühlen. Ein erschrockenes Einatmen.
Ein theatralisches Klopfen auf die Manteltaschen.
— Ach du meine Güte!
— Ljudaaa! Stell dir vor, ich habe das Portemonnaie in der anderen Tasche gelassen!
Die Schlange spannte sich wie eine Saite.
— Bezahlen Sie? — fragte die Kassiererin mich kühl. — Bitte nicht aufhalten.
Meine Schwiegermutter sah mich mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln an. Sie war sicher. Gleich würde ich zahlen.
Ich öffnete langsam meine Tasche. Holte mein Handy heraus. Drehte es in der Hand.
Dann sah ich ihr direkt in die Augen und sagte laut:
— Ach, Ljubow Petrowna… Ich habe mein Portemonnaie auch zu Hause vergessen. Und mein Handy ist leer.
Dicht. Schwer. Fast greifbar.
Ihr Lächeln erstarrte.
— Wie… vergessen?
— Wir haben uns so beeilt. Wegen des Angebots. Wahrscheinlich liegt meine Karte noch in der Jacke.
Scheint wohl familiär zu sein, diese Vergesslichkeit.
Hinter uns knurrte der Mann mit dem Mineralwasser:
— Zahlen oder Platz machen!
Die Kassiererin rief die Aufsicht zur Stornierung.
Meine Schwiegermutter packte meinen Ärmel.
— Ljudaaaa! Ruf Pascha an! Die Leute schauen doch! Was für eine Blamage!
— Mein Akku ist leer, — sagte ich ruhig. — Wir müssen wohl alles hierlassen. Schade um den Kaviar. Und um Ihren Lieblingskaffee…
Die Aufsicht griff bereits nach dem Kaffee.
— Warten Sie!
Ihre Stimme überschlug sich.
Dann geschah das Wunder.
Die Hand tauchte in die angeblich leere Tasche. Ein Reißverschluss. Noch einer. Ein verstecktes Fach.
Und plötzlich erschien ein dickes Bündel Scheine. Fünf- und Tausender. Mindestens fünfzigtausend Rubel.
Die Schlange hielt den Atem an.
— Gefunden! — sagte sie hastig. — War hinter das Futter gerutscht!
Mit zitternden Fingern zählte sie 5.240 Rubel ab.
Die Kassiererin nahm das Geld wortlos entgegen. Ihr Blick sprach Bände.
— Nimm die Tüten, Ljud, — sagte meine Schwiegermutter trocken.
Im Auto war es still.
Sie starrte aus dem Fenster. Aufrecht, steif. Tief beleidigt. Eine Mutter, die gezwungen worden war, ihre eigenen Einkäufe selbst zu bezahlen.
Vor ihrem Haus fragte ich höflich:
— Soll ich helfen?
— Nein. Ich komme zurecht.
Sie nahm die schweren Taschen mit erstaunlicher Kraft.
— Grüß Pascha, — sagte sie schließlich. — Und danke fürs Fahren.
Zu Hause lag Pascha vor dem Fernseher.
— Na? Alles gut? Mama zufrieden?
Ich schenkte mir Wasser ein.
— Alles gekauft. Kaviar. Kaffee.
— Siehst du? Kein Grund für Streit. Uns fehlt doch nichts.
Ich lächelte meinem Spiegelbild im dunklen Fenster zu.
— Du hast recht, Pascha. Uns fehlt nichts. Kein Kopeke.
An diesem Abend rief sie nicht an. Kein Klagen über Blutdruck. Keine Einladung für das nächste Wochenende.
Ich saß in der Küche, trank meinen Iwan-Tee und fühlte mich zum ersten Mal seit Wochen leicht.
Gedächtnis ist eine merkwürdige Sache. Manchmal braucht es nur eine kleine, aber wirkungsvolle Therapie.
Und ich bin mir ziemlich sicher:
Dieser teure Kaffee wird ihr heute ein klein wenig bitter schmecken.



