Urticaria (Nesselsucht) ist eine häufige Hauterkrankung, von der schätzungsweise etwa jede fünfte Person mindestens einmal im Leben betroffen ist.
Sie äußert sich durch plötzlich auftretende, stark juckende, erhabene Hautveränderungen, die als Quaddeln oder „Wheals“ bezeichnet werden. Diese können rundlich oder ringförmig erscheinen und sich im Verlauf auch zu größeren, zusammenfließenden Arealen verbinden.
Typischerweise treten diese Hautveränderungen sehr rasch auf – häufig sogar innerhalb weniger Minuten nach einem Auslöser oder nach mechanischer Reizung wie Kratzen. Grundsätzlich kann jede Körperregion betroffen sein, sodass sich die Quaddeln theoretisch am gesamten Körper entwickeln können.
Entstehung und Mechanismus
Die Ursache der Urtikaria liegt in einer übermäßigen Freisetzung von Histamin und anderen Entzündungsmediatoren aus sogenannten Mastzellen. Diese Zellen des Immunsystems reagieren auf bestimmte Reize und schütten daraufhin Botenstoffe in das Blutgewebe aus.
Dadurch erweitern sich die kleinen Blutgefäße der Haut (Kapillaren), und Flüssigkeit tritt in das umliegende Gewebe aus. Genau dieser Flüssigkeitsaustritt führt zur typischen Schwellung und Bildung der juckenden Quaddeln.
Obwohl die einzelnen Hautveränderungen meist innerhalb von 24 Stunden wieder vollständig verschwinden, kann die Erkrankung selbst über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben und wiederkehrende Schübe verursachen.
Begleiterscheinung: Angioödem
Häufig tritt Urtikaria gemeinsam mit einem sogenannten Angioödem auf. Dabei handelt es sich um tiefere Schwellungen unter der Haut, die vor allem weiche Gewebsbereiche betreffen, wie etwa Lippen, Augenlider oder die Schleimhäute im Mund.
Im Gegensatz zu den oberflächlichen Quaddeln sind diese Schwellungen meist schmerzhafter als juckend und benötigen deutlich mehr Zeit, um abzuklingen.
Wenn ein Angioödem isoliert – also ohne Quaddeln – auftritt, kann dies auf eine seltene, erbliche Form hinweisen, das sogenannte hereditäre Angioödem. Dieses steht nicht im Zusammenhang mit Urtikaria und erfordert eine spezielle diagnostische Abklärung sowie gezielte Blutuntersuchungen.
Formen der Urtikaria
Je nach Dauer und Auslöser wird Urtikaria in verschiedene Formen eingeteilt.
Akute Urtikaria
Die akute Urtikaria ist die häufigste Form. Sie tritt plötzlich auf und verschwindet in der Regel innerhalb von höchstens sechs Wochen. In den meisten Fällen lässt sich ein konkreter Auslöser identifizieren.
Diese Form entsteht meist durch eine allergische Reaktion oder Überempfindlichkeit, bei der Histamin freigesetzt wird. Dadurch erweitern sich die Blutgefäße der Haut, und Flüssigkeit tritt ins Gewebe über.
**Häufige Auslöser sind:**
- * **Allergien:** Lebensmittel wie Nüsse, Schalentiere, Eier oder Milchprodukte sowie Insektenstiche oder Latex
- * **Medikamente:** insbesondere nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Aspirin und bestimmte Antibiotika wie Penicillin
- * **Infektionen:** virale Infekte wie Erkältungen, Hepatitis oder Pfeiffersches Drüsenfieber (besonders bei Kindern), aber auch bakterielle Infektionen
- * **Umweltfaktoren:** Hitze, Kälte oder emotionaler Stress
Die Symptome erreichen meist schnell ihren Höhepunkt und klingen innerhalb weniger Tage oder Wochen wieder ab. In der Regel sprechen sie gut auf Antihistaminika an.
Chronische Urtikaria
Von einer chronischen Urtikaria spricht man, wenn die Symptome über mehr als sechs Wochen hinweg immer wieder auftreten, häufig sogar täglich.
Im Gegensatz zur akuten Form lässt sich der genaue Auslöser in bis zu 80–90 % der Fälle nicht eindeutig bestimmen. Dadurch ist diese Form deutlich schwieriger zu behandeln.

**Wichtige Merkmale:**
* **Autoimmunprozesse:** Bei etwa der Hälfte der Betroffenen greift das Immunsystem körpereigene Strukturen an. Autoantikörper aktivieren Mastzellen über IgE-Rezeptoren, was zur ständigen Histaminfreisetzung führt.
* **Begleiterkrankungen:** In manchen Fällen steht die Erkrankung im Zusammenhang mit anderen systemischen Erkrankungen wie Schilddrüsenunterfunktion, Lupus oder rheumatischenErkrankungen.
* **Auswirkungen auf die Lebensqualität:** Da einzelne Quaddeln zwar innerhalb von 24 Stunden verschwinden, jedoch ständig neue entstehen, kann dies zu Schlafstörungen, Erschöpfung und psychischer Belastung führen.
Die Behandlung kann intensiver sein und umfasst oft hoch dosierte Antihistaminika, Biologika wie Omalizumab oder in schweren Fällen Immunsuppressiva.
Physikalische (induzierbare) Urtikaria
Diese Form der Urtikaria wird durch äußere physikalische Reize ausgelöst und nicht durch innere immunologische Prozesse. Die Reaktionen treten meist sehr schnell auf – oft innerhalb von ein bis zwei Minuten nach Kontakt – und bleiben auf die betroffene Hautstelle begrenzt.
- **Häufige Unterformen:**
- * **Dermographismus („Hautschrift“):** Bereits leichtes Kratzen oder Reiben führt zu erhabenen, juckenden Quaddeln, die wie Schrift auf der Haut erscheinen.
- * **Kälteurtikaria:** Ausgelöst durch kalte Luft, Wasser oder Eis. Bei großflächiger Kälteeinwirkung kann es in seltenen Fällen zu einer schweren, systemischen Reaktion kommen.
- * **Cholinerge Urtikaria:** Entsteht durch Erhöhung der Körpertemperatur, etwa beim Sport, heißen Duschen, scharfem Essen oder starkem Stress.
- * **Solarurtikaria:** Wird durch UV-Strahlung oder Sonnenlicht ausgelöst.
* **Druckurtikaria:** Tritt verzögert nach längerem Druck auf die Haut auf, etwa durch Rucksackriemen oder enge Kleidung. Die Symptome erscheinen erst nach 4–8 Stunden und sind oft tiefer sowie schmerzhafter als juckend.
Warnzeichen und medizinische Dringlichkeit
Obwohl Urtikaria meist harmlos ist, kann sie in seltenen Fällen Teil einer schweren allergischen Reaktion sein. Sofortige medizinische Hilfe ist erforderlich, wenn Symptome wie Atemnot, Schwellung von Zunge oder Rachen, Schwindel oder Engegefühl in der Brust auftreten. Diese Zeichen können auf eine lebensbedrohliche Anaphylaxie hinweisen.
Diagnose und Umgang
Um mögliche Auslöser zu identifizieren, empfehlen Ärzte häufig ein Symptomtagebuch. Darin werden Ernährung, Medikamente, Stresslevel, Aktivitäten und Zeitpunkt der Beschwerden dokumentiert. Dies kann helfen, Muster zu erkennen.
Zusätzlich können folgende Maßnahmen die Symptome lindern:
- * Tragen lockerer Kleidung
- * Verwendung parfümfreier Hautpflegeprodukte
- * Vermeidung von Hitze und Überhitzung
- * Stressreduktion
- * Kühlende Kompressen bei Juckreiz
Fazit
Das Leben mit Urtikaria – insbesondere der chronischen Form – kann belastend sein, da die Symptome immer wieder auftreten können.
Dennoch lässt sich die Erkrankung in vielen Fällen gut kontrollieren, sobald individuelle Auslöser erkannt und eine geeignete Behandlung gefunden wurde. Eine ärztliche Abklärung ist wichtig, um die richtige Therapie einzuleiten und die Lebensqualität deutlich zu verbessern.



