Zwanzig Jahre auf Dienstreise bis mir seine zweite Familie öffnete

Der Frost in Surgut biss nicht nur in die Wangen – er fraß sich mit der Gier eines ausgehungerten Raubtiers in jede unbedeckte Hautstelle.

Minus fünfunddreißig Grad, wie der Taxifahrer fröhlich verkündet hatte, fühlten sich an wie das luftleere Vakuum des offenen Weltalls.

Marina presste die große Kartonschachtel mit der Torte fester an ihre Brust, als wäre sie die letzte Wärmequelle in einer eisigen Wüste – und nicht bloß ein selbstgebackenes Geschenk.

In der anderen Hand umklammerte sie den Griff eines alten, abgewetzten Koffers.

Darin lagen keine festlichen Kleider, sondern dicke Wollpullover, gestrickte Socken und wärmende Gürtel aus Hundewolle – das ganze Arsenal einer fürsorglichen Ehefrau für ihren „Helden“.

Zwanzig Jahre lang war ihr Mann, Waleri, angeblich „im Norden auf Montage“ gewesen.

Zwanzig Jahre hatte er, wie er sagte, in Sümpfen geschuftet, Gesundheit und Kraft geopfert, um für die Familie zu sorgen.

Zwanzig Jahre hatte sie am Fenster gestanden, bei jedem Telefonklingeln zusammengezuckt und gebetet, dass ihm nichts zugestoßen sei.

— Wir sind da, gute Frau. Endstation. Leninstraße fünf, genau wie bestellt.

Marina blinzelte. Ihre Wimpern froren augenblicklich zusammen.

Sie hatte einen windschiefen Barackenbau erwartet oder eine verwahrloste Plattenbausiedlung mit dunklen Fensterhöhlen.

Waleri hatte es immer so beschrieben:

„Marischka, es ist die Hölle hier. Wir schlafen zu acht in einem Baucontainer, Etagenbetten, und nachts wühlen die Bären in den Mülltonnen.“

Sie hatte jedes Wort geglaubt. Ein liebendes Herz verlangt keine Beweise – es verlangt Opfer.

Doch vor ihr stand kein Baucontainer. Kein Arbeiterwohnheim.

Sondern ein zweistöckiger Palast aus rotem Backstein, mit schmiedeeisernem Tor, beheizter Einfahrt, Doppelgarage und einer Sauna, aus deren Schornstein sich gemütlicher Rauch in den klaren Nachthimmel schlängelte.

— Das muss ein Irrtum sein … vielleicht ein Nebengebäude? — murmelte sie.

Mit zitternden Fingern zog sie die zerknitterte Quittung hervor, die sie ein Jahr lang wie eine Reliquie aufbewahrt hatte.

Waleri hatte sie damals flehend um ein seltenes Medikament für seinen „zerstörten Rücken“ gebeten. Die Adresse war eindeutig:

Leninstraße 5.

Das Taxi verschwand im Schneetreiben.

Allein.

Der Wind schleuderte ihr Eiskristalle ins Gesicht, als wolle er sie warnen. Trotzdem drückte sie die Klingel.

Das Tor klickte. Es öffnete sich.

Marina trat in eine andere Welt. Statt Diesel und kaltem Metall roch es nach Grillfleisch, Tannenzweigen und teurem Holz.

Unter einem Vordach stand ein glänzendes, verchromtes Schneemobil.

Die schwere Haustür schwang auf.

Eine Frau erschien auf der Schwelle. Groß. Selbstbewusst. Mit rotem Gesicht vom warmen Haus, im offenen, teuren Lammfellmantel.

Unter dem Mantel blitzte ein festliches Kleid.

An den Füßen elegante Lederstiefel mit Absatz – völlig unpraktisch für diese Kälte, aber Ausdruck purer Sicherheit.

— Wen suchen Sie?

Ihre Stimme war tief, ruhig, herrisch.

Marina schluckte.

— Waleri … Kusnezow. Er arbeitet hier. Vielleicht wohnt er in einem Bauwagen?

Die Frau brach in schallendes Gelächter aus.

— In welchem Bauwagen denn bitte? Walera! Hier ist jemand von deiner „Arbeit“!

Und dann passierte es.

Hinter ihr erschienen drei Jungen. Achtzehn, fünfzehn, zehn. Das Alter war unwichtig. Wichtig waren die Ohren. Diese leicht abstehenden, spitz zulaufenden Ohren, die Marina besser kannte als ihre eigenen.

Lebende Beweise.

— Papa! — rief der Jüngste. — Eine Tante mit einer Torte!

„Papa.“

Das Wort traf sie härter als der Frost.

— Ja natürlich Papa, wer denn sonst? — lächelte die Frau gutmütig.

— Ich bin Tamara, seine Ehefrau. Kommen Sie rein, Sie frieren ja völlig. Heute feiern wir seinen fünfzigsten Geburtstag.

Marina trat ein.

Wärme schlug ihr entgegen. Der Duft von gebratener Gans, Gewürzen – und genau jenem Herrenparfüm, das sie Waleri zu Neujahr geschenkt hatte und das er angeblich „im Zug zerbrochen“ hatte.

Waleri erschien.

Im bordeauxfarbenen Hausmantel. Mit Hasen-Hausschuhen. Gerötet vom Saunagang.

In einer Hand ein Glas Cognac, in der anderen ein Kaviarbrot.

Er sah sie.

Und erstarrte.

Das Brot fiel. Butter nach unten auf den Perserteppich.

— M-Marina?..

Sie schrie nicht. Sie weinte nicht.

In ihr starb nur etwas.

Und an seiner Stelle entstand etwas Kaltes.

— Guten Abend, Waleri Petrowitsch, — sagte sie mit metallischer Ruhe. — Außerplanmäßige Prüfung aus der Zentrale.

Wir überprüfen Ihre Arbeits- und Lebensbedingungen. Ihre Berichte weichen offenbar stark von der Realität ab.

Tamara strahlte.

— Ach wunderbar! Er klagt immer, wie schlimm es in Moskau ist. Gemeinschaftsunterkunft, trockene Nudeln, böse Chefs.

Ich gebe ihm jeden Monat zweihunderttausend Rubel für „Repräsentationskosten“, damit er sich nicht blamiert!

Marina lächelte langsam.

— Zweihunderttausend? Er bekommt angeblich fünfzigtausend Gehalt. Der Rest?

Waleri begann zu zittern.

— Welche fünfzigtausend?! — rief Tamara empört. — Ich überweise alles!

Marina drehte den Kopf zu ihm. Langsam.

— Und wo sind die restlichen hundertfünfzigtausend im Monat? Und das Geld für deine „Medikamente“, das ich dir gegeben habe?

— Welche Medikamente? — fragte Tamara. — Er ist kerngesund! Zweimal im Jahr Kur in Karlsbad!

— Mir erzählte er von Notfalleinsätzen in Workuta. Ohne Netz. Mit Bären.Waleri sackte zusammen.

— Streitet euch nicht… mein Herz…

— Du hast kein Herz, — sagte Marina ruhig. — Du hast eine Hochleistungspumpe für Geldtransfers zwischen zwei Familien.

Tamara wurde still.

Sie sah Marina an. Dann ihren Mann. Dann die Kinder.

Verständnis dämmerte.

— Moment … wer sind Sie wirklich?

Marina zog ihren Pass hervor. Zeigte den Eheurkundeneintrag.

— Ich bin seine gesetzliche Ehefrau. Seit zwanzig Jahren.

Stille.

Dann packte Tamara Waleri am Ohr.

— Du polarer Montageheld! Ich arbeite hier bei minus vierzig Grad, ziehe Kinder groß, und du finanzierst in Moskau eine zweite Familie?!

— Er finanziert gar nichts! — warf Marina ein. — Er hat bei mir auch nur gejammert. Offenbar sammelt er alles irgendwo.

Tamara erstarrte.

— Wo ist das Geld?

— In der Garage … in Einmachgläsern … Dollar und Gold …

— In Einmachgläsern?! — wiederholte Marina trocken.

— Für unsere Zukunft… ein Haus in Sotschi… wir alle zusammen…

— Idiot, — sagte Tamara.

— Klinischer Fall, — ergänzte Marina.

Ein Blick. Ein stilles Bündnis.

— Kollegin, — sagte Tamara. — Wir prüfen die Vermögenswerte.

— Mit Konfiszierung, — nickte Marina.

Sie gingen hinaus in die frostklare Nacht, Arm in Arm.

Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Doch jetzt klang er nicht mehr feindlich. Sondern wie ein Neubeginn.

Waleri blieb allein zurück.

In einem Wollsocken.

Mit einem Hasenpantoffel.

Zwischen einer kalten Gans und zwei Frauen, die plötzlich viel gefährlicher waren als jede nordische Kälte.

An diesem Abend verlor er nicht nur zwei Familien.

Er begann seine längste Schicht.

Und diesmal war sie wirklich unbefristet.

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