Eine halbe Stunde war vergangen. In der Küche herrschte eine seltsame, schwere Stille. Nur das Ticken der Wanduhr wagte es, die Ruhe zu durchbrechen.
Ana saß regungslos da, die Augen auf ihre Schwiegermutter gerichtet, die gerade ihren Kaffee ausgetrunken hatte und leise vor sich hin murmelte, etwas über „diese Generation, die nicht einmal einen anständigen Kaffee machen kann“.
Elena stellte die Tasse auf den Tisch und stand plötzlich auf, wobei sie den Stuhl mit einem schrillen Quietschen zurückschob.
— Ich gehe, um meine Tabletten zu holen. Mir ist furchtbar heiß geworden — murmelte sie und stützte sich leicht auf die Tischkante. Ana erstarrte.
Sie sah, wie sich das Gesicht ihrer Schwiegermutter veränderte — es war fast völlig blass, und ihre Augen wirkten trüb, als könne sie nicht mehr klar sehen.
— Mama, geht es dir gut? — fragte Victor unsicher.
Elena öffnete den Mund, um zu antworten, aber statt Worten kam nur ein leises Stöhnen. Sie griff sich an den Hals, als wolle sie Luft holen, doch ihr Atem war schwer. Noch ein Schritt, und… sie brach zusammen.
— Mama?! — schrie Victor und stürzte zu ihr. Ana sprang auf, konnte aber keinen Schritt machen. Ihre Knie zitterten. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es bis zum Hals spürte.
Sie sah Elena am Boden liegen, das Gesicht verzerrt vor Schmerz und Angst.
— Ruf den Notarzt! — schrie Victor.
Ana konnte sich nicht bewegen. Ein Teil von ihr wollte fliehen, sich verstecken, allem entkommen, was sie sah. Der andere Teil… fühlte sich schuldig. Sie wollte nicht, dass sie stirbt.
Sie wollte nur, dass Elena fühlt, was sie selbst monatelang gefühlt hatte. Dass sie die Angst schmeckt.
Victor tippte verzweifelt auf seinem Handy, erklärte dem Notarzt irgendetwas, während er versuchte, seine Mutter hochzuheben. Doch Elena reagierte nicht mehr. Ihr Körper war schlaff, leblos.
Zwei Stunden später brachte der Krankenwagen Elena ins Krankenhaus. Ana saß allein im Wohnzimmer und starrte auf die verlassene Tasse auf dem Tisch. Alles war viel zu schnell passiert.
Victor stürmte ins Zimmer, mit roten Augen und blassem Gesicht.
— Was ist passiert, Victor? — fragte Ana kaum hörbar.
— Die Ärzte glauben, sie wurde vergiftet… Ich verstehe es nicht. Sie sprachen von Spuren eines Schwermetalls, vielleicht sogar Quecksilber, aber sie wollen weitere Tests machen. Ich verstehe nicht, woher… warum…
Er ließ sich aufs Sofa fallen, den Kopf in die Hände vergraben. Ana spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Es wurde ihr kalt.
— Sag mir… ist dir heute Morgen irgendetwas Merkwürdiges am Kaffee aufgefallen? — fragte er plötzlich.
Ana biss sich auf die Lippe.
— Ja… eigentlich schon. Der Geruch war… sehr seltsam. Ich wollte es dir sagen, aber ich hatte Angst, verrückt zu wirken. Also… habe ich die Tassen getauscht. Ich dachte, ich schütze mich. Nicht, dass…
Victor sah sie lange an. Dann stand er auf und ging einige Schritte durch den Raum. Er drehte sich zu ihr um mit einem Blick, der sie erstarren ließ.

— Ana, seit zwei Monaten geht es dir nach dem Essen hier schlecht. Und Mama… sie hat dir doch immer etwas gebracht, oder?
Ein Stück Kuchen, eine Suppe… oder „ihren besonderen Kaffee“. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass…?
Ana bekam kaum Luft.
— Doch — flüsterte sie. — Doch, der Gedanke kam mir. Aber ich habe mich dafür geschämt. Wie konnte ich so etwas glauben? Wer tut so etwas? Die eigene Schwiegermutter?
Victor setzte sich wieder, den Blick leer.
— Ich wollte es auch nicht glauben. Aber heute Morgen, als ich sagte, ich mache den Kaffee, meinte sie: „Lass nur, ich weiß, was Ana mag.“ Und trotzdem bestand sie darauf, sich selbst einen zu machen.
Und als ich zurückkam, waren die Tassen verstellt. Ich weiß nicht, ob sie etwas hineingegeben hat. Oder ob es Schicksal war.
— Nein, es war kein Schicksal — sagte Ana leise. — Es war ihre Entscheidung. Vielleicht hat sie heute nur ein wenig von ihrem eigenen Gift gekostet.
Victor sagte nichts. Er starrte ins Leere.
Eine Woche später bestätigten die Analysen: Spuren eines langsam wirkenden Giftes, wahrscheinlich in kleinen Dosen täglich verabreicht. Im Kaffee, im Tee, im Essen.
Elena überlebte. Aber etwas in ihr war endgültig zerbrochen. Sie sprach nicht mehr. Verließ das Zimmer nicht. Sie saß nur da und starrte aus dem Fenster.
Die Polizei eröffnete eine Untersuchung, doch ohne eindeutige Beweise und mit einer Verdächtigen, die nicht mehr kooperierte, blieb alles in schwerem Schweigen hängen.
Ana und Victor zogen um. Nicht weit, aber weit genug, um die schweren Schritte auf dem Boden des alten Hauses nicht mehr zu hören.
Eines Morgens machte Ana sich einen Kaffee. Sie roch sorgfältig daran. Das Aroma war süß, warm, ohne Spur von Metall oder Angst.
Sie lächelte leicht. Zum ersten Mal seit langer Zeit.
— Der Geschmack der Freiheit — flüsterte sie.
Und sie trank ihn bis zum letzten Tropfen.



