An diesem Tag goss es vom Himmel, als hätte die Stadt beschlossen, alle Sünden des vergangenen Jahres fortzuspülen.
Dichte, kalte Regenschleier prasselten auf Asphalt und Dächer, verwandelten die Straßen in spiegelnde Flüsse.
Marina zog die kratzige Mütze tiefer in die Stirn – ihre Haut juckte darunter unangenehm – und stieß die schwere Eichentür des Restaurants „Imperija“ auf.
Ihr schlug sofort der schwere Geruch von gebratenem Fleisch, teurem Tabak und jenem süßlichen Aroma von Reichtum entgegen, das man weder kaufen noch verbergen kann.
— Wohin, Tante? — Der Wachmann, ein massiger Kerl in einem billigen Anzug, der an ihm spannte wie eine zu enge Verpackung, erhob sich nicht einmal von seinem Stuhl.
— Der Personaleingang ist hinten im Hof. Neben den Mülltonnen.
Marina nickte wortlos. Sie wusste genau, wo der Personaleingang war. Sie kannte jeden Winkel dieses Gebäudes.
Ihr Vater, der inzwischen verstorbene Viktor Pawlowitsch, hatte dieses Restaurant vor zwanzig Jahren eigenhändig aufgebaut – Stein für Stein, Idee für Idee.
Heute spielte Marina eine Rolle. Die Rolle eines lautlosen Schattens mit Eimer und Lappen.
Sie trug eine abgetragene Jacke aus dem Secondhandladen und Schuhe, die bei jedem Schritt leise um Gnade baten.
Im Hinterraum roch es nach Feuchtigkeit, Chlor und abgestandener Luft.
— Neu hier? — fragte die Administratorin Ljusja, eine Frau mit müdem Gesicht und schweren Beinen, und drückte ihr einen Wischmopp in die Hand.
— Wie heißt du?
— Maria, — log Marina und verbarg ihre gepflegten, unmanikürten Hände in Gummihandschuhen.
— Also gut, Mascha. Während die Gäste essen, bleibst du aus dem Saal raus.
Wenn du Waleri Sergejewitsch siehst — Augen runter und verschwinden. Seine Verlobte, Schanna, ist nervös.
Am besten, du existierst für sie gar nicht. Bezahlt wird am Ende der Schicht, wenn nichts kaputtgeht. Klar?
— Klar.
Marina trat in den Flur. Sie musste nur drei Stunden durchhalten.
Genau so lange brauchten die Juristen, um den Eintrag im Register abzuschließen, und die IT-Spezialisten, um die Kontrolle über die Server zu übernehmen.
Waleri Sergejewitsch erschien gegen Mittag. Er betrat den Saal mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der soeben die Welt beim Kartenspiel gewonnen hat.
Sein Anzug saß makellos, die Uhr an seinem Handgelenk kostete so viel wie eine gute Wohnung in einem Vorstadtviertel.
Vor drei Jahren war er lediglich Assistent ihres Vaters gewesen. „Ein vielversprechender Bursche“, hatte ihr Vater gesagt. „Zupackend.“
Der zupackende Bursche übernahm rasch das Steuer, als ihr Vater von einer unheilbaren Krankheit niedergerungen wurde.
Marina lebte damals im Ausland und kümmerte sich um ihre kranke Mutter. Sie unterschrieb die Vollmacht, ohne genau hinzusehen.
Als sie zurückkehrte, war das Restaurant verschuldet – und Waleri fuhr einen neuen deutschen Geländewagen.
Hinter ihm klackerten die Absätze von Schanna. Auffällig, geschniegelt, raubtierhaft schön. Ihr weißer Mantel wirkte bei diesem Wetter wie eine Provokation.
— Walera, sieh dir das an! — jammerte sie und blieb mitten in der Lobby stehen.
— Schon wieder sind meine Stiefel bespritzt! Deine Parkeinweiser sind Idioten, da draußen ist eine Pfütze!
Waleri verzog das Gesicht, als er Marina bemerkte, die gerade die Fußleiste wischte.
— He, du! — schnippte er mit den Fingern. — Komm her.
Marina richtete sich auf. Ihr Rücken knackte leise.
— Nimm den Lappen, — befahl er und deutete auf Schannas Stiefel.
— Wie bitte? — fragte Marina leise.
— Bist du taub? Mach die Stiefel meiner Frau sauber. Sofort.
Schanna streckte das Bein aus, als wäre Marina Luft. Auf dem teuren Wildleder klebten tatsächlich Schlammtropfen.
In Marinas Innerem zog sich alles schmerzhaft zusammen. Jetzt widersprechen? Die Maskerade beenden? Nein.
Die Dokumente waren noch nicht endgültig bestätigt. Ein falscher Schritt – und Waleri würde das Geld von den Konten abziehen.
Sie kniete nieder. Mit dem feuchten Tuch tupfte sie behutsam den Schmutz vom Wildleder.
— Siehst du, geht doch, — schnaufte Schanna verächtlich und sah sie nicht einmal an. — Walera, komm, ich verhungere.
Sie verschwanden im VIP-Bereich. Marina blieb kniend in der Lobby zurück und presste den schmutzigen Lappen so fest, dass das Wasser über ihre Handschuhe lief.
— Haben sie dich sehr rangenommen? — erklang eine heisere Stimme.
Am Eingang stand der Hausmeister. Ein älterer Mann im wattierten Mantel, sein Gesicht von tiefen Falten durchzogen. In der Hand hielt er eine Schneeschaufel.
— Es gab schon Schlimmeres, — sagte Marina und erhob sich. — Sie sind Onkel Pascha?

— Der bin ich. Neu hier? Halt durch, Tochter. Waleri Sergejewitsch ist ein Gutsherr. Er mag es, wenn man sich verbeugt.
— Arbeiten Sie schon lange hier?
— Seit der Eröffnung. Noch unter Viktor Pawlowitsch. Das war ein Mensch! Er gab jedem die Hand, zahlte Prämien zu Feiertagen.
Und dieser hier… — Pascha winkte ab. — Hat alle Alten rausgeworfen. Mich behielt er nur, weil ich für ein paar Kopeken arbeite und schweige.
Meine Frau ist bettlägerig. Medikamente kosten Geld.
Marina musterte ihn.
— Erinnern Sie sich an die Tochter von Viktor Pawlowitsch?
— An Marinotschka? — Sein Gesicht hellte sich auf. — Natürlich! Lief hier mit Schleifen im Haar herum, machte Hausaufgaben am hinteren Tisch. Ein gutes Mädchen.
Aber sie ging fort. Man sagte, sie sei im Ausland verschwunden oder unglücklich verheiratet.
Walera erzählte ihr wohl, das Geschäft sei nicht rentabel. Sie glaubte ihm.
In Marinas Tasche vibrierte das Telefon. Eine Nachricht: „Fertig. Register aktualisiert.“
Sie zog die Handschuhe aus und warf sie in den Eimer. Das Platschen klang wie ein Pistolenschuss.
— Onkel Pascha, — sagte sie mit völlig veränderter, fester Stimme. — Gehen Sie nach Hause. Zu Ihrer Frau. Heute haben Sie frei. Bezahlt.
— Was redest du da? Wenn Walera das sieht—
— Er wird es nicht sehen. Gehen Sie.
Marina trat mit sicherem Schritt in den Saal. Während sie ging, öffnete sie die billige Jacke.
Darunter erschien eine schlichte, aber hochwertige weiße Bluse. Sie nahm die Mütze ab, und ihr Haar fiel über die Schultern.
Waleri und Schanna saßen am besten Tisch am Fenster. Ein Kellner schenkte gerade trockenen Rotwein aus einem bauchigen Dekanter ein.
— Ich habe dir verboten, in den Saal zu kommen! — brüllte Waleri, als er sie bemerkte. — Verschwinde!
Marina trat an den Tisch, nahm wortlos sein Glas und roch daran.
— Château Margaux, Jahrgang fünfundneunzig? Beeindruckend. Für ein „unrentables“ Unternehmen lebt es sich erstaunlich gut.
— Bist du verrückt? — Schanna ließ die Gabel fallen. — Walera, schmeiß sie raus!
— Sicherheit! — schrie Waleri.
— Die Sicherheit kommt nicht, — sagte Marina ruhig. — Ich habe sie vor fünf Minuten entlassen. Zusammen mit Administratorin Ljusja, die Lebensmittel aus der Küche stiehlt.
Waleri erstarrte. In seinen Augen dämmerte Erkenntnis.
— Marina…? Viktorowna?
— Genau.
— Aber du bist doch in London…
— Nicht mehr. Seit einer Stunde bin ich alleinige Eigentümerin dieses Gebäudes und der Firma.
Meine Anwälte haben die Bank bereits über den Wechsel der Geschäftsführung informiert.
Er lachte nervös.
— Du bluffst. Das geht nicht so schnell. Ich habe einen Vertrag! Zeichnungsrecht!
Marina legte ihr Smartphone auf den Tisch. Auf dem Display leuchtete die App zur Steuerung des „Smart Building“-Systems.
— Der Geschäftsführer ließ eine Putzfrau die Stiefel seiner Verlobten reinigen, ohne zu wissen, dass sie das Unternehmen gerade gekauft und die Schlösser zu seinem Büro ausgetauscht hat.
Versuch doch, deine Bürotür zu öffnen.
Waleri rannte zur Tür. Riss am Griff. Verschlossen. Elektronische Karte. Rotes Signal. Noch einmal. Rot.
Er drehte sich um. Sein Gesicht war aschgrau.
— Marina Viktorowna… wir können reden. Das war Steueroptimierung. Ich habe für Sie gearbeitet!
— Für mich? Du hast das Lebenswerk meines Vaters ruiniert. Menschen erniedrigt, die hier Jahrzehnte arbeiteten.
Onkel Pascha bekommt Almosen, während deine Dame seinen Boden beschmutzt.
— Diese Person? — schrie Schanna.
— Halt den Mund! — fuhr Waleri sie an.
Er wandte sich flehend an Marina.
— Dein Vater hat mir vertraut…
— Genau. Und du hast dieses Vertrauen verraten. Morgen beginnt die Prüfung.
Wenn auch nur ein Rubel fehlt – und es fehlen Millionen – gehst du ins Gefängnis.
— Ich zahle alles zurück! Gib mir eine Woche!
— Fünf Minuten, um deine Sachen zu holen. Ein privater Sicherheitsdienst ist unterwegs.
Waleri floh hinaus in den Regen, ohne Mantel. Schanna blieb zurück, sah zwischen Tür und Marina hin und her, nahm schließlich wortlos ihre Handtasche.
Am Ausgang rutschte sie auf dem nassen Boden aus, den sie selbst beschmutzt hatte, und fing sich nur knapp.
Am Abend saß Marina im Büro ihres Vaters. Sie öffnete das Fenster, ließ kalte Luft herein und vertrieb den Geruch von Waleris Tabak.
Es klopfte zaghaft.
Onkel Pascha stand in der Tür, die Mütze in den Händen.
— Marina Viktorowna… Stimmt es? Sie sind jetzt die Chefin?
— Komm herein. Setz dich.
— Ist der Teufel wirklich weg?
— Für immer.
Er zog ein Kündigungsschreiben hervor. Marina zerriss es.
— Keine Kündigung. Morgen kommen Sie zurück. Aber nicht als Hausmeister.
— Sondern?
— Als Verwalter. Ich brauche jemanden, der hier jede Schraube kennt. Und dem ich vertrauen kann.
Das Gehalt wird reichen – für Medikamente und ein würdiges Leben.
Der alte Mann verbarg sein Gesicht in den Händen. Seine Schultern bebten.
Draußen hörte der Regen auf. Die Stadt kam zur Ruhe. Marina wusste, dass Prozesse, Schulden und schlaflose Nächte vor ihr lagen.
Doch zum ersten Mal seit Jahren spürte sie festen Boden unter den Füßen.
Denn Schmutz kann man abwaschen.
Ein Gewissen nicht.



