Es war kalt, sehr kalt. Die Luft in Nischnewartowsk im Oktober war wie feiner Sandpapierstaub, der sich in der Haut festsetzte. Ich stand auf dem Parkplatz des Geburtskrankenhauses und hielt die Babyschale mit meiner kleinen Alinka fest an mich gedrückt.
Sie schlief friedlich, das rosa Strampler, den wir zusammen im „Kindermarkt“ zwei Wochen vor der Geburt ausgesucht hatten, war längst zerknittert.
Oleg stand vor mir, der Blick leer und leerer als alles andere. Er sagte kaum etwas, die Worte schlüpften nur zischend zwischen seinen Zähnen hervor, als ob er sie nicht einmal wollte. „Geh zurück. Du gehörst nicht hierhin. Pack deine Sachen und verschwinde.“
Ich zitterte nicht, aber eine tiefe Leere kroch in mir hoch, die ich nicht verbergen konnte. Es war keine Überraschung, kein Schock, keine Katastrophe, sondern eine unscheinbare Wahrheit, die mich in den Magen traf.
„Oleg, was redest du da?“ fragte ich, den Kapuzenaufsatz der Babyschale noch fester ziehend. „Was meinst du mit ‚verschwinden‘? Lass uns einfach nach Hause fahren. Das Kind wird noch krank, wenn wir hier draußen stehen.“
Er starrte mich an, seine Augen schienen nicht zu sehen, was vor ihm war. Die Worte kamen mit einem kalten, flachen Ton. „Du kannst mit deinem Kind nach Hause fahren, aber nach Hause zu mir? Nein, das war’s. Du gehörst nicht hierher. Du bist jetzt nichts mehr für mich.“
Dann öffnete er den Kofferraum seiner „Niva“, schmiss zwei meiner alten Taschen auf den Asphalt. Eine von ihnen platzte auf, und mein alter blauer Bademantel, der Zickzack-Zahnkragen mit dem aufgestickten Hasen, fiel heraus.
„Mama hat recht“, sagte er, sich wieder in sein Auto zu setzen. „Du hast zu viel für dich beansprucht. Es reicht jetzt. Du bist frei.“
Die Tür knallte zu. Der Motor brüllte auf, und der Rauch strömte aus dem Auspuff, als er mit quietschenden Reifen davonbrauste. Der Dreck wirbelte auf und traf mich und Alinka.
Ich blieb einfach stehen, unfähig, den Blick von den beiden Taschen abzuwenden. In einer war mein Bademantel. Der alte, blöde, der mir einst gefallen hatte.
„Nun gut“, dachte ich bei mir. „Nun ist alles klar.“
Ich blickte auf mein Handy. Nur fünf Prozent Akku. Dreißigtausend für den Taxi nach Islutschinsk? Ich hatte dreihundert. Und die Mama? Sie würde nicht ans Telefon gehen, weil sie auf der Schicht war.
Ich setzte mich auf die Bank vor dem Krankenhaus, die Babyschale neben mir. Wühlte in meiner Tasche. Der Akku flackerte und starb aus.
Der erste Versuch: Oleg. „Abonnent ist vorübergehend nicht erreichbar.“
Der zweite Versuch: Antonina Ivanovna, meine Schwiegermutter.
„Ja, Inna?“ Ihre Stimme war fast unnatürlich fröhlich, wie aus einer anderen Welt. „Hat dir Oleg alles erklärt? Wir haben das beschlossen. Die Wohnung gehört ihm, das Erbe des Großvaters.
Du bist da niemand. Aber du kannst die Kleine zu uns bringen, wenn du dich mal eingerichtet hast. Der Luft in Islutschinsk ist besser für ihre Entwicklung.“
„Antonina Ivanovna, ich stehe draußen. Mit dem Kind. Verstehst du überhaupt, was du mir antust?“
„Ach was, du dramatisierst. Du bist jung und gesund, du schaffst das schon. Geh zum Bahnhof, kein Problem. Und übrigens, der Teig geht über, ich muss zurück an den Ofen.“

Der Bildschirm meines Handys erlosch. Ein Prozent. Das war’s.
Ich blickte wieder auf die Taschen. Auf meinen Bademantel. Alinka schnarchte weiter in der Babyschale.
Ich setzte mich gerade und zog die Taschen heran. Überlegte. Was tun? Ich wusste, dass die Wohnung auf der Lenin-Straße mir als verheiratete Frau gehörte.
Aber ich wusste auch, dass sie mich in die Ecke drängten, versuchten, die Geschichte zu drehen. Doch ich hatte einen Plan.
2021 war die Wohnung ein Wrack gewesen, die Wände schimmelig, der Boden marode. Aber wir hatten sie renoviert, Oleg und ich, auch wenn er es nicht zu schätzen wusste. Er war nie dabei, wenn es um Details ging, nur wenn er meinte, es sei „gut genug“.
Ich hatte alles ausgerechnet, alles in meinen Erinnerungen gespeichert. Die Fenster, die Türen, die Wände. Jeder Cent, den ich investiert hatte. Ich holte eine Mappe heraus, die ich immer bei mir trug.
Die ich auch ins Krankenhaus mitgenommen hatte. Es war eine Mappe voller Rechnungen und Verträge. Ich wusste, dass ich hier etwas hatte, mit dem ich standhalten konnte.
Ich setzte mich auf den Sitz des Taxis und schaute zu. Alinka lag ruhig in ihrer Schale. Ich hatte alle Zahlen im Kopf. Der Steuerberater würde sich später melden. Heute ging es nur darum, zu überleben.
Die Reise begann. Der Taxifahrer sah mich durch den Rückspiegel an, als ob er etwas erwarten würde.
„Wohin geht’s?“, fragte er.
„Nach Hause. Zu meiner Wohnung“, antwortete ich ruhig.



