Ich habe sie mit den Kindern rausgeworfen prahlte der Schwiegersohn doch dieses Neujahr brachte sein Ende

— Mama, komm bitte nicht. Er hat uns rausgeworfen.

Natalja sprach leise, doch hinter ihr übertönten das Dröhnen des Bahnhofs und Sonjas Schluchzen jedes Wort.

Anna Petrowna blieb mitten auf dem Bahnsteig stehen, die Schachtel mit den Geschenken fest an sich gedrückt.

— Rausgeworfen? Wohin rausgeworfen?

— Aus der Wohnung. Er hat gesagt, wir sollen verschwinden, bevor seine Verwandtschaft kommt.

Zinaida Konstantinowna hat es so befohlen. Wir sitzen mit den Kindern im Bahnhofscafé, ich weiß nicht, was ich tun soll.

Neun Uhr abends. Einunddreißigster Dezember. Minus fünfzehn Grad draußen.

— Schick mir die Adresse. Warte.

Anna Petrowna drehte sich um und ging entschlossen Richtung Ausgang.

Vierzig Jahre im Finanzamt hatten sie gelehrt, ihre Gefühle zu kontrollieren.

Doch diesmal zitterten ihre Hände so sehr, dass die Geschenkbox ihr fast aus den Fingern glitt.

Die Tür öffnete Sergej. Sein Gesicht war gerötet, zufrieden, in der Hand ein Glas Sekt.

Aus der Wohnung drangen der Geruch von Gebratenem und Alkohol.

Am Tisch saßen etwa sechs Leute, an der Stirnseite Zinaida Konstantinowna, kerzengerade, streng wie ein Lineal.

— Oh, Anna Petrowna. Kommen Sie rein, kommen Sie rein. Warum stehen Sie denn im Flur?

Sie trat über die Schwelle. Sah sich um. Der Tisch reich gedeckt, Salate ordentlich angerichtet, Gläser bis zum Rand gefüllt. Gelächter. Stimmen.

Nur eines fehlte.

Ihre Tochter.

Ihre Enkelkinder.

— Wo ist Natalja?

— Ach die? Sergej winkte ab und grinste. — Die habe ich mit den Kindern rausgeworfen. Meine Mutter erträgt sie nicht.

Soll erst mal bei Ihnen wohnen, abkühlen.

Er sagte es laut, provokant, drehte sich dabei zum Tisch. Jemand kicherte. Zinaida Konstantinowna nickte zustimmend, ohne vom Teller aufzusehen.

— Ganz richtig. Man hätte sie schon früher in ihre Schranken weisen müssen. Sie ist völlig außer Kontrolle geraten.

Anna Petrowna stellte die Geschenkbox auf den Boden. Zog langsam ihre Schuhe aus. Richtete sich auf.

Niemand achtete auf sie, die Gäste aßen, redeten, lachten.

Sie trat hinter Zinaida Konstantinowna, packte sie an der Schulter, drehte sie herum und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht.

Das Geräusch war so laut, dass schlagartig Stille eintrat.

Zinaida Konstantinowna stürzte vom Stuhl, riss dabei eine Salatschüssel mit sich. Sergej sprang auf, doch Anna Petrowna war schneller.

Sie drehte sich um und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Er krümmte sich, klammerte sich an den Tisch.

Der Tisch kippte. Sekt ergoss sich über den Boden, Teller krachten hinterher.

Anna Petrowna packte Zinaida Konstantinowna am Kragen und schleifte sie zur Tür.

Die Frau kreischte, doch Anna Petrowna ließ nicht los und stieß sie hinaus. Sergej stolperte hinterher, landete neben seiner Mutter im Treppenhaus.

Anna Petrowna wandte sich an die Gäste. Die saßen reglos da, mit offenen Mündern.

— Raus. Sofort.

Niemand widersprach.

Sie holte ihre Tochter und die Enkel vom Bahnhof ab. Fuhr mit ihnen nach Hause, in die verwüstete Wohnung.

Natalja stand da, betrachtete den umgestürzten Tisch, die Scherben, die Flecken an den Wänden und schwieg.

— Mama, was wird jetzt passieren?

— Nichts. Du wirst ruhig leben.

Anna Petrowna öffnete die Geschenkbox. Wanja und Sonja rissen die Verpackungen direkt auf dem Boden auf, zwischen nassen Putzlappen und Glassplittern.

Zum ersten Mal an diesem Abend lachten sie.

Mitternacht feierten sie zu viert in der Küche. Natalja weinte leise, wischte sich die Augen mit der Handfläche.

Die Kinder zündeten Wunderkerzen an und flüsterten ihre Wünsche.

In der Nacht rief Sergej an. Seine Stimme zitterte vor Wut.

— Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast? Meine Mutter hat eine Gehirnerschütterung.

— Ich werde dich verklagen. Dafür wirst du bezahlen.

Anna Petrowna stellte das Telefon auf Lautsprecher. Natalja erstarrte mit der Tasse in der Hand.

— Tu das. Ich reiche eine Gegenklage ein. Du hast deine Frau mit minderjährigen Kindern bei Frost auf die Straße gesetzt.

Am einunddreißigsten Dezember. Das Jugendamt wird das interessieren.

Und die Nachbarn erzählen gern, wie deine Mutter meine Tochter drei Jahre lang terrorisiert hat.

— Welche Nachbarn? Wer glaubt dir schon, alte …

— Die Nachbarn, die gehört haben, wie Zinaida Konstantinowna Natalja angeschrien hat. Die gesehen haben, wie sie mit deinen Schlüsseln kam, wenn meine Tochter nicht zu Hause war.

Die Kameras im Hausflur haben alles aufgezeichnet, wie du sie mit Taschen hinausgeworfen hast.

Und die Wohnung ist Gemeinschaftseigentum. Also los, Sergej. Sehen wir, wer gewinnt.

Er schwieg ein paar Sekunden. Dann legte er auf.

Die Anwältin hörte sich alles schweigend an, machte Notizen und sah Natalja an.

 

— Wollen Sie sich scheiden lassen?

Natalja ballte die Hände so fest, dass die Finger weiß wurden. Sie schwieg. Anna Petrowna legte ihr die Hand auf die Schulter.

— Natascha. Er hat dich mit den Kindern an Neujahr auf die Straße gesetzt. Glaubst du wirklich, dass sich das ändern wird?

Die Tochter hob den Kopf. In ihren Augen lag etwas Neues. Keine Angst, keine Hoffnung. Nur Erschöpfung.

— Ich will die Scheidung.

Die Anwältin nickte und zog die Formulare hervor.

Sergej versuchte, einen Angriff nachzuweisen. Er brachte Zinaida Konstantinowna mit einem blauen Auge mit, doch das Gutachten ergab, frisch, erst nach den Feiertagen entstanden.

Die Gäste, die Anna Petrowna hinausgeworfen hatte, erinnerten sich plötzlich an nichts. Die Nachbarn hingegen berichteten bereitwillig von den Skandalen, dem Geschrei, den weinenden Kindern im Treppenhaus.

Davon, wie die Schwiegermutter mit Schlüsseln eindrang.

Als der Richter das Urteil verkündete, stand Natalja auf und verließ den Saal, ohne sich umzudrehen.

Eine neue Wohnung fanden sie schnell. Eine kleine Einzimmerwohnung in einem ruhigen Viertel, im zweiten Stock.

Natalja verkaufte ihren Anteil und kaufte diese Wohnung von ihrem eigenen Geld. Anna Petrowna zog ins Nachbarhaus, nur für alle Fälle.

Die Kinder gewöhnten sich langsam. Wanja wurde still, Sonja launisch. Abends kamen sie zur Großmutter, und sie las ihnen vor. Ohne Fragen. Ohne Druck.

Eines Abends kam Natalja, um Wasser zu holen. Anna Petrowna stand am Fenster und blickte in die Dunkelheit.

— Mama, bereust du es? Dass du dich eingemischt hast. Dass du sie geschlagen hast.

Anna Petrowna drehte sich um. Ihr Gesicht ruhig, ohne den geringsten Zweifel.

— Vierzig Jahre habe ich fremde Konflikte auf dem Papier gelöst. Ruhig. Nach den Regeln.

Und dann habe ich gesehen, wie man meine Tochter und meine Enkel in die Kälte gejagt hat. Da habe ich verstanden, es gibt Dinge, die lassen sich nicht mit Worten regeln.

Sie schwieg kurz.

— Ich bereue nur, dass ich es nicht früher getan habe.

Natalja trat zu ihr und umarmte sie fest, wie früher als Kind.

Den nächsten Neujahr feierten sie wieder zu viert. Anna Petrowna, Natalja und die Kinder. Ein kleiner Tisch, wenige Geschenke.

Aber als sie die Wunderkerzen anzündeten, lachte Sonja, und Wanja legte der Großmutter den Arm um die Schultern.

— Danke, dass du uns damals geholt hast.

Anna Petrowna küsste ihn schweigend auf den Scheitel.

Natalja sah sie an und lächelte, zum ersten Mal seit vielen Jahren ohne die Angst, dass gleich jemand hereinkommen und alles zerstören würde.

Es war das beste Neujahr ihres Lebens.

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