## Kapitel 4. Ich kehrte zurück, um meine Kinder zu holen – und mein Mann musste sich für sein Geheimnis verantworten
„Niemand wird ihm meine Kinder geben!“, sagte ich und drückte Maria an meine Brust.
Ich erschrak selbst über die Entschlossenheit in meiner Stimme. Noch vor wenigen Stunden hatte ich das Krankenhaus verlassen und mir eingeredet, dass ich niemals die Mutter zweier Kinder mit besonderen Bedürfnissen sein könnte. Jetzt erfüllte mich allein der Gedanke, jemand könnte sie ohne meine Zustimmung mitnehmen, mit blankem Entsetzen.
Der Chefarzt der Station wies den Sicherheitsmitarbeiter an, den Fremden nicht zu den Neugeborenen zu lassen, und verständigte die Polizei, damit sie seine Papiere überprüfte.
Viktor Pawlowitsch Kornejew war ein Mann um die fünfzig in einem teuren Anzug. Er trat selbstsicher auf – bis er erfuhr, dass ich zurückgekehrt war.
„Sie müssen verstehen“, sagte er zu mir, „dass Ihr Mann bereits eine Vereinbarung mit mir getroffen hat. Ich bin hier, um die Angelegenheit in Ruhe zu regeln.“
„Welche Angelegenheit?“, fragte ich. „Sie wollten meine Kinder mitnehmen?“
Er wich meinem Blick aus.
„Ihr Mann hat mich um Hilfe gebeten. Ich habe eine Lösung vorgeschlagen, mit der alle zufrieden gewesen wären.“
„Alle außer zwei Säuglingen, die noch nicht einmal sagen können, was sie wollen!“
Kornejew seufzte gereizt.
„Dramatisieren Sie das nicht. Ich engagiere mich für wohltätige Zwecke.“
„Warum hat mein Mann Ihre Absprachen dann vor mir geheim gehalten?“
Darauf antwortete er nicht.
Zwanzig Minuten später kam Andrej. Er sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Als er mich mit Maria auf dem Arm sah, blieb er mitten im Flur stehen.
„Wir müssen reden“, murmelte er.
„Wir reden hier. Im Beisein der Ärzte.“
Er versuchte, meine Hand zu nehmen, doch ich trat zurück.
„Sag mir die Wahrheit. Warum hast du dich an diesen Mann gewandt?“
Andrej senkte den Kopf.

Es stellte sich heraus, dass er sich einige Monate zuvor von einem Bekannten eine große Summe geliehen hatte, um eine eigene Autowerkstatt zu eröffnen. Das Geschäft war gescheitert. Die Schulden waren gewachsen, die Gläubiger hatten ihr Geld verlangt, und Andrej hatte Angst gehabt, mir alles zu gestehen.
Über Mittelsmänner hatte Kornejew ihm Hilfe angeboten. Er hatte versprochen, Familien zu finden, die bereit wären, Kinder aufzunehmen, auf die ihre Eltern verzichteten.
„Ich dachte, so wäre es besser“, wiederholte Andrej immer wieder. „Ich wusste nicht, wie wir das schaffen sollten.“
„Nein“, antwortete ich unter Tränen. „Du hast über meinen Kopf hinweg entschieden. Du hast meine Kinder zu einem Problem gemacht, das man einfach an jemand anderen weiterreichen kann.“
Kornejew wollte widersprechen, doch die inzwischen eingetroffenen Polizeibeamten forderten alle Beteiligten auf, ihre Ausweise vorzulegen und den Sachverhalt zu schildern. Verdächtige Absprachen allein waren noch kein Beweis für eine Straftat. Dennoch setzte das Krankenhaus sämtliche Schritte zur Übergabe der Kinder aus, bis die Umstände geklärt waren.
Noch am selben Tag zog ich meine Verzichtserklärung zurück und bat eine Sozialarbeiterin, mir bei den weiteren Schritten zu helfen. Die genetische Untersuchung bestätigte bei beiden Babys das Down-Syndrom. Es fiel mir schwer, das anzunehmen. Doch inzwischen hatte ich verstanden: Eine Diagnose bestimmt nicht den Wert eines Menschenlebens.
Einige Tage später nahm ich Michail und Maria mit nach Hause.
Meine Mutter unterstützte mich nachts, und die Ärzte erklärten mir, welche Untersuchungen und Fördermaßnahmen die Kinder möglicherweise brauchen würden. Vor uns lagen Schwierigkeiten, finanzielle Sorgen und vieles, das wir noch nicht absehen konnten. Ich wurde nicht über Nacht zur Heldin. Manchmal weinte ich vor Erschöpfung und hatte Angst vor der Zukunft.
Aber ich ließ meine Entscheidungen nicht länger von dieser Angst bestimmen.
Andrej und ich trennten uns. Er versuchte, mich um Verzeihung zu bitten, doch Vertrauen lässt sich nicht mit Worten allein wiederherstellen. Um seine Schulden und die Aufklärung möglicher Rechtsverstöße musste er sich selbst kümmern.
Eines Abends saß ich zwischen den beiden Kinderbettchen. Michail schlief, und Maria lächelte im Traum. Ich betrachtete die beiden und dachte an jenen Tag zurück, an dem ich sie beinahe für immer verlassen hätte.
Ich wusste nicht, wie ihre Zukunft aussehen würde. Das konnte niemand wissen.
Doch eines wusste ich: Sie verdienten Liebe, Schutz und die Möglichkeit, aufzuwachsen und sich zu entfalten.
Und ich war entschlossen, ihnen alles zu geben, was in meiner Macht stand.
Manchmal beginnt die schwerste Prüfung mit einer Entscheidung, die wir in Panik treffen. Und manchmal genügt ein einziger Mensch, der im richtigen Augenblick „Warten Sie“ sagt, damit wir die Wahrheit erkennen und unserem Leben eine neue Richtung geben können.
Ende der Geschichte.



