Jeden Herbst wiederholt sich auf Balkonen und Terrassen dasselbe Bild: Die Geranien, die den ganzen Sommer über prächtig geblüht haben, wirken zunehmend müde. Die Nächte werden kälter, bis eines Morgens der erste Frost die Blätter schwarz werden lässt. Viele Menschen kaufen im nächsten Frühjahr einfach neue Pflanzen, ohne zu wissen, dass sich die vorhandenen ganz einfach und kostenlos vermehren lassen.
Geranien, botanisch korrekt Pelargonien genannt, gehören zu den Pflanzen, die sich besonders leicht durch Stecklinge vermehren lassen. Aus einer einzigen gesunden Mutterpflanze können zehn, zwanzig oder sogar noch mehr neue Pflanzen entstehen. Die eigentliche Arbeit dauert weniger als eine Stunde. Entscheidend ist, rechtzeitig vor dem ersten Frost zu beginnen, solange die Triebe noch kräftig und vital sind.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für Stecklinge?
Am besten eignet sich der frühe bis mittlere Herbst, solange die Pflanze gesund ist und die Nachttemperaturen über dem Gefrierpunkt bleiben. Pelargonien vertragen überhaupt keinen Frost. Bereits Temperaturen nahe 0 °C können Blätter und Triebe schädigen. Wird eine frostige Nacht angekündigt, sollten Sie deshalb sofort handeln.
Wählen Sie einen trockenen Tag und schneiden Sie die Stecklinge möglichst am Morgen, wenn die Pflanze noch gut mit Wasser versorgt ist. Die Triebe sollten fest und grün sein – weder weich und schlaff noch alt und verholzt.
Das brauchen Sie
— Eine gesunde Mutterpflanze
— Eine scharfe, saubere Schere oder ein kleines Messer
— Kleine Töpfe oder eine flache Kunststoffschale mit Abzugslöchern
— Ein lockeres, gut durchlässiges Substrat, idealerweise mit Perlit oder Sand vermischt
— Bewurzelungspulver, falls gewünscht
— Einen hellen Platz auf der Fensterbank
— Eine Gießkanne mit feiner Brause

Schritt 1: Geeignete Triebe auswählen
Suchen Sie kräftige, gesunde Triebe ohne Blüten, Flecken oder andere Anzeichen einer Erkrankung aus. Besonders gut eignen sich etwa bleistiftdicke Triebe. Sehr dünne, schwache sowie vertrocknete oder beschädigte Triebe sollten Sie nicht verwenden.
Schneiden Sie jeden Trieb knapp unterhalb eines Blattknotens ab. Das ist die kleine Verdickung am Stängel, an der die Blätter ansetzen. In diesem Bereich bilden sich besonders leicht neue Wurzeln. Setzen Sie mit einem sauberen Werkzeug einen leicht schrägen Schnitt. Eine glatte Schnittfläche verheilt besser und verbessert die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewurzelung.
Entnehmen Sie die Stecklinge an verschiedenen Stellen der Mutterpflanze, damit diese nicht einseitig kahl wird. Eine gesunde Pflanze verträgt es problemlos, mehrere Triebe abzugeben. Der Rückschnitt regt sie außerdem dazu an, buschiger nachzuwachsen.
Schritt 2: Die Stecklinge vorbereiten
Jeder Steckling sollte etwa acht bis zehn Zentimeter lang sein und zwei bis drei Blattknoten besitzen. Entfernen Sie die unteren Blätter und die kleinen Nebenblätter am Blattansatz. Lassen Sie lediglich zwei bis drei Blätter an der Spitze stehen. Sind diese sehr groß, können Sie die Blattflächen halbieren, um die Verdunstung zu verringern.
Entfernen Sie auch sämtliche Blüten und Knospen. Der Steckling soll seine Energie in die Wurzelbildung stecken.
Nun folgt ein Schritt, den viele Anfänger auslassen: Legen Sie die Stecklinge für mehrere Stunden, bei Bedarf bis zu einem Tag, auf ein trockenes Papiertuch an einen hellen, luftigen Ort. Die Schnittstellen sollten anschließend leicht angetrocknet und verschlossen aussehen.
Da Pelargonienstängel viel Wasser speichern und leicht faulen, hilft diese kurze Pause dabei, eine schützende Schicht an der Schnittfläche entstehen zu lassen.
Schritt 3: Die Stecklinge einsetzen
Füllen Sie die Töpfe oder die Anzuchtschale mit einem lockeren, luftigen Substrat. Feuchten Sie es gleichmäßig an, ohne es zu durchnässen. Bohren Sie mit einem Bleistift ein Pflanzloch vor. Wenn Sie Bewurzelungspulver verwenden möchten, tauchen Sie das untere Ende des Stecklings hinein. Setzen Sie den Steckling anschließend etwa drei bis vier Zentimeter tief in das vorbereitete Loch.
Drücken Sie das Substrat vorsichtig an, damit der Trieb aufrecht steht. In einer Schale können mehrere Stecklinge nebeneinander wachsen. Lassen Sie einige Zentimeter Abstand, sodass sich die Blätter nicht berühren. Eine gute Luftzirkulation hilft, Schimmelbildung vorzubeugen.
Achten Sie unbedingt darauf, dass überschüssiges Wasser durch Abzugslöcher abfließen kann. Staunässe kann innerhalb kurzer Zeit sämtliche Stecklinge verderben lassen.
Schritt 4: Für Licht und die richtige Pflege sorgen
Stellen Sie die Stecklinge an einen hellen Platz, jedoch nicht in die pralle Sonne. Starke direkte Sonneneinstrahlung kann die Blätter schädigen, bevor sich Wurzeln gebildet haben. Gut geeignet sind eine Fensterbank mit gefiltertem Licht oder ein heller Raum. Die Temperatur sollte ungefähr 18 bis 22 °C betragen.
Gießen Sie sparsam, sobald sich die Oberfläche des Substrats trocken anfühlt. Es sollte nur leicht feucht bleiben und niemals dauerhaft nass sein. Anders als bei vielen anderen Stecklingen sollten Sie Pelargonien weder mit einer Plastiktüte noch mit einem geschlossenen Deckel abdecken. Die eingeschlossene Feuchtigkeit begünstigt Fäulnis und Pilzbefall.
Meist bilden sich innerhalb von drei bis sechs Wochen Wurzeln. Dass die Vermehrung gelungen ist, erkennen Sie an frischen Blättern an der Triebspitze. Auch ein leichter Widerstand beim ganz vorsichtigen Ziehen am Steckling deutet darauf hin, dass sich Wurzeln gebildet haben.
Schritt 5: Die Jungpflanzen umtopfen
Sobald die Stecklinge gut bewurzelt sind und gleichmäßig weiterwachsen, können Sie sie einzeln in kleine Töpfe mit gewöhnlicher Blumenerde setzen. Gehen Sie dabei behutsam vor, denn die jungen Wurzeln sind empfindlich.
Überwintern Sie die Pflanzen in einem hellen, kühlen Raum, möglichst bei etwa 10 bis 15 °C. Gießen Sie nur wenig und lassen Sie die Erde zwischen den Wassergaben abtrocknen. Mit dem Düngen warten Sie, bis die Tage gegen Ende des Winters wieder länger werden.
Wenn im Frühjahr keine Fröste mehr zu erwarten sind, gewöhnen Sie die Jungpflanzen über ein bis zwei Wochen schrittweise an den Aufenthalt im Freien. Danach können sie in ihre endgültigen Töpfe oder Balkonkästen umziehen.
Was passiert mit der alten Pflanze?

Wenn Sie auch die Mutterpflanze behalten möchten, schneiden Sie diese um etwa ein Drittel zurück, kontrollieren Sie sie auf Schädlinge und holen Sie sie vor dem ersten Frost ins Haus.
An einem hellen, kühlen Standort benötigt sie den Winter über nur wenig Wasser. Dass sie dabei einige Blätter verliert, ist normal. Im Frühjahr beginnt sie wieder kräftig auszutreiben.
Häufige Fehler, die Sie vermeiden sollten
**Frische, noch feuchte Schnittstellen direkt einpflanzen.** Lassen Sie die Schnittflächen zunächst einige Stunden antrocknen. Andernfalls können die Stecklinge faulen.
**Die Stecklinge mit Plastik abdecken.** Pelargonien brauchen eine gute Luftzirkulation. Angestaute Feuchtigkeit erhöht das Fäulnisrisiko.
**Zu viel gießen.** Übermäßige Feuchtigkeit ist der häufigste Grund dafür, dass Stecklinge nicht anwachsen.
**Blüten und Knospen stehen lassen.** Sie verbrauchen Energie, die der Steckling für die Bildung neuer Wurzeln benötigt.
**Zu lange warten.** Nach einem Frost sind die Triebe häufig geschädigt und lassen sich deutlich schwerer bewurzeln.
**Schwere Gartenerde verwenden.** Sie hält zu viel Feuchtigkeit zurück und verdichtet sich rund um den Stängel.
Ein Sommer voller Blüten muss nicht auf dem Kompost enden. Schon eine kurze Arbeit mit der Schere und eine Schale mit lockerem Substrat reichen aus, um Ihre Lieblingsgeranien durch den Winter und ins nächste Jahr zu bringen.
Dabei entstehen oft genug zusätzliche Pflanzen, um sämtliche Töpfe auf dem Balkon zu füllen oder Freunden eine Freude zu machen. Beginnen Sie am besten noch diese Woche, bevor der erste Frost Ihnen die Entscheidung abnimmt.



