Larisa erwachte mit einem bleiernen Gewicht im ganzen Körper. Das Zimmer drehte sich, schwankte, als wolle es sich partout nicht beruhigen.
Ihre Haut brannte, doch zugleich jagten ihr Schauer über den Körper – als läge sie gleichzeitig auf einer glühenden Herdplatte und in einem Gefrierfach.
Mit Mühe streckte sie die Hand zum Nachttisch und griff nach dem Thermometer – ein altes Quecksilberthermometer, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte und das sie bei jedem Umzug mitgenommen hatte.
Sie schüttelte es, steckte es unter den Arm und sank zurück aufs Kissen. Gedanken wirbelten wirr in ihrem Kopf, unfähig, sich zu ordnen. Stimmen drangen aus dem Nebenzimmer.
Heute sollte die Schwiegermutter zum Mittagessen kommen. Genau das fehlte noch, um den Tag „perfekt“ zu machen.
Schwer fokussierte sie den Blick: 40,1.
– Super… – flüsterte sie mit trockenen Lippen. So schlecht hatte sie sich lange nicht gefühlt. Wieder griff sie nach den fiebersenkenden Medikamenten auf dem Nachttisch.
Konnte sie aufstehen? Wenigstens bis in die Küche kriechen und ein Glas Wasser holen?
Plötzlich schlug die Tür mit einem Knall gegen die Wand – ohne anzuklopfen, ohne Vorwarnung. Pavel, ihr Mann, stand im Türrahmen.
Sein Gesicht war finster, die Stirn in Falten gelegt, die Lippen zu einer verächtlichen Grimasse verzogen. Er sah sie an, als wäre sie ein Kakerlake in seiner Suppe.
Larisa richtete sich mühsam auf einem Ellbogen auf.
– Pasha, ich fühle mich schrecklich…
Pavel trat zwei Schritte vor und riss ihr brutal die Decke vom Leib:
– Was soll „schrecklich“ heißen? Willst du den ganzen Tag im Bett verrotten? Weißt du überhaupt, wie spät es ist?
Larisa versuchte, die Decke festzuhalten, doch ihre Arme gehorchten ihr nicht. Ihr verschwitztes Shirt klebte am Körper, die Schauer wurden mit jeder Sekunde stärker.
Sie reichte ihm das Thermometer, kaum fähig, es zu halten:
– Vierzig… ich habe gerade gemessen…
Pavel warf einen schnellen Blick darauf und schnaubte höhnisch.
– Vierzig Grad? Mach mich nicht lächerlich! – knurrte er. – Vielleicht direkt fünfundvierzig? Oder fünfzig?
Er schleuderte die Decke zurück aufs Bett, doch Larisa versuchte gar nicht erst, sich wieder zuzudecken. Dieser Tonfall… den kannte sie nur zu gut.
Die gleichen Akzente, die gleiche Überheblichkeit, dieselbe Kälte. Sechs Jahre Ehe. Sechs Jahre solcher Blicke. Am Anfang – gelegentlich. Jetzt – täglich.
– Weißt du, dass meine Mutter schon da ist? – fuhr Pavel fort. – Wir sitzen hier wie zwei Idioten und warten auf dich. Der Tisch ist nicht gedeckt, der Tee nicht fertig. Soll das eine Haushälterin sein?
Larisa schluckte schwer. Ihr Hals war trocken wie Schmirgelpapier.
– Pasha, ich sage dir, wie man den Tisch deckt – flüsterte sie. – Ich kann wirklich nicht aufstehen. Ruf einen Arzt…

Pavels Gesicht verzog sich vor Wut. Er beugte sich drohend zu ihr:
– Einen Arzt?! Vielleicht gleich den Krankenwagen? Oder die Feuerwehr? Hör auf mit deinem ewigen Gejammer!
Mal Kopf, mal Rücken, mal Magen… Und du bist völlig gesund! Du hast einfach keine Lust, irgendwas zu tun!
Larisa schloss die Augen. Jedes seiner Worte fühlte sich an wie ein Faustschlag. Mit jedem Satz sank sie tiefer.
– Denk ja nicht, dass du hier liegen bleibst und faulenzt! – brüllte er. – Entweder du deckst den Tisch und kümmerst dich um meine Mutter, oder du packst deine Sachen und verschwindest!
Larisa öffnete die Augen weit. Was hatte er gerade gesagt?! Ja, ihre Beziehung war längst kaputt. Ja, sie hatte oft den Wunsch zu gehen. Aber sie aus dem Haus werfen, nur weil sie krank war?
– Was hast du gesagt? – fragte sie ungläubig.
– Du hast richtig gehört – antwortete er eisig. – Ich habe keine Lust, eine faule Frau zu finanzieren, die sich ständig beschwert. Entweder du machst deine Pflicht – oder… – er deutete auf die Tür.
Aus der Küche ertönte die Stimme der Schwiegermutter:
– Pasha, wie lange brauchst du noch? Der Tee wird kalt!
– Ich komme, Mama! – antwortete er und warf Larisa einen letzten Blick zu. – Du hast fünf Minuten.
Er ging hinaus und knallte die Tür zu.
Larisa lag regungslos da und starrte an die Decke. Das Zimmer drehte sich immer noch, doch der körperliche Schmerz war nur noch ein Teil des Problems. Die Demütigung… sie drückte schwerer als das Fieber.
Hinter der Tür hörte sie deutlich das Gespräch.
– …die ist doch kaputt, hab ich dir von Anfang an gesagt, Pasha! Das ist nicht die Richtige für dich! Sieh sie dir an! – schimpfte die Schwiegermutter. – Kochen kann sie nicht, putzen auch nicht, und jetzt wagt sie nicht mal, zum Tisch zu kommen!
– In letzter Zeit ist sie besonders frech geworden, Mama – seufzte Pavel. – Mal der Rücken, mal der Kopf, jetzt Fieber…
– Du hast ihr gezeigt, wo es langgeht! – triumphierte die Schwiegermutter. – Mit Frauen muss man hart sein!
Larisa schloss die Augen. Was mache ich hier eigentlich noch? Warum ertrage ich das?
Und dann regte sich etwas in ihr. Kein Schwächegefühl. Kein Selbstmitleid. Wut. Auf Pavel, auf seine Mutter. Aber am meisten – auf sich selbst. Dass sie das all die Jahre zugelassen hatte.
Langsam setzte sie sich auf, stützte sich an die Wand. Aber jetzt ging es nicht mehr um Krankheit. Es ging um Würde.
Sie trat ins Wohnzimmer. Pavel und seine Mutter drehten sich ihr zu. Sie stand da – schweißgebadet, blass, kaum auf den Beinen haltend.
– Endlich! – jammerte die Schwiegermutter. – Ich dachte schon, deine „Einbildungskräfte“ hätten dich umgehauen!
Pavel runzelte die Stirn:
– Na, beweg dich endlich, wir haben Hunger!
Larisa sah ihm direkt in die Augen. Und sagte leise:
– Du hast recht. Fieber verursacht wirklich Halluzinationen… Ich dachte, ich wäre deine Frau – nicht deine Dienerin.
Pavel erstarrte. Diese Stimme… das war nicht die Frau, die er kannte.
Und ab diesem Moment änderte sich alles.



