Die Äbtissin an der Tür

Erster Abschnitt – „Die Äbtissin vor der Tür“

„Guten Abend, mein Sohn“, sagte sie freundlich. „Ich bin gekommen, um mich von Schwester Anastasia zu verabschieden.“

Alexej antwortete nicht sofort.

Er betrachtete die Frau und versuchte zu verstehen, warum ihre Anwesenheit in ihm ein so starkes Unbehagen auslöste. Die Äbtissin wirkte ruhig, beherrscht und makellos höflich. Obwohl draußen ein heftiger Regen niederging, war kein einziger Tropfen auf ihrer Kleidung zu sehen. Ihre Schuhe waren trocken, und selbst der Saum ihres langen schwarzen Gewandes sah aus, als wäre sie gerade aus einem warmen Zimmer gekommen.

„Sie können sich morgen von ihr verabschieden“, sagte Woronzow. „Der Leichnam befindet sich momentan im Untersuchungsraum.“

„Ich werde nicht lange bleiben. Ich möchte mich nur vergewissern, dass Schwester Anastasia tatsächlich gestorben ist.“

Das Wort „tatsächlich“ ließ Alexej aufhorchen.

Michail stand an der Wand und umklammerte den USB-Stick in seiner Faust. Alexej warf ihm einen unauffälligen Blick zu und schüttelte kaum merklich den Kopf. Er sollte das Gerät auf keinen Fall zeigen.

„Haben Sie die Unterlagen?“, fragte der Arzt.

„Selbstverständlich.“

Die Äbtissin reichte ihm eine Mappe. Auf der ersten Seite befanden sich das Siegel des Klosters, die Unterschrift eines Arztes und die offizielle Diagnose: „Akute Herzinsuffizienz“.

Alexej überflog den Text.

„In den Begleitpapieren steht, dass zur Feststellung der Todesursache eine Obduktion erforderlich ist.“

„Das ist lediglich eine Formalität“, erwiderte die Frau sanft. „Schwester Anastasia war schon lange krank. Ihr Herz hat schließlich versagt.“

„Warum sind Sie dann mitten in der Nacht hier?“

Ihr Lächeln verschwand nicht, doch plötzlich wirkte es kalt.

„Weil sie für mich wie eine Tochter war.“

„Dann verstehen Sie sicher auch, dass ich mich an die vorgeschriebenen Abläufe halten muss.“

„Natürlich. Aber Sie könnten doch eine Ausnahme machen.“

In diesem Augenblick klingelte das Telefon am Wachposten. Alexej ließ die Frau nicht aus den Augen.

„Es wird keine Ausnahme geben.“

„Sind Sie sicher?“

„Vollkommen.“

Die Äbtissin neigte leicht den Kopf.

„Schade. Ich hatte gehofft, Sie seien ein vernünftiger Mann.“

Dann drehte sie sich um und ging den Flur entlang, ohne darauf zu warten, hinausbegleitet zu werden. Ihre Absätze schlugen dumpf auf die Fliesen.

Michail schloss die Tür.

„Doktor, sie wusste Bescheid.“

„Worüber?“

„Über die Botschaft. Über den USB-Stick. Sie wollte sich nicht verabschieden. Sie wollte das Beweismittel holen.“

Alexej kehrte zum Computer zurück und spielte das Video erneut ab. Diesmal konzentrierte er sich auf die Geräusche im Hintergrund. Hinter Anastasias Stimme war ein gleichmäßiges Summen zu hören, gefolgt vom kaum wahrnehmbaren Klirren einer Metallkette.

„Warte“, sagte er. „Mach lauter.“

Michail erhöhte die Lautstärke.

Auf der Aufnahme sagte Anastasia:

„Vertraut der Äbtissin nicht. Sie ist nicht die, für die sie sich ausgibt. Nein …“

Dann war ein Klopfen zu hören. Die Tür im Bild bewegte sich. Anastasia drehte sich um – und die Aufnahme endete abrupt.

„Wer hat das aufgenommen?“, fragte Michail.

„Sie selbst. Aber wo war die Kamera?“

Zu sehen waren nur das Bett, ein Teil der Wand und das Fenster. Alexej vergrößerte das Bild. Im Fensterglas spiegelte sich ein winziger silberner Punkt.

„Das ist nicht die Kamera“, sagte er. „Das ist eine Spiegelung.“

Plötzlich hielt er inne.

„Trug sie ein Kreuz um den Hals?“

„Ja.“

„Sieh genauer hin.“

Michail vergrößerte die Aufnahme weiter. Auf Anastasias Brust hing tatsächlich ein Kreuz. In dessen Mitte glänzte ein kleiner runder Stein.

„Eine eingebaute Kamera“, flüsterte Alexej.

„Dann hat sie alles selbst aufgenommen.“

„Und wahrscheinlich nicht nur dieses eine Video.“

Michail sah zum Leichnam.

„Aber warum hat sie die Nachricht ausgerechnet auf ihre Haut geschrieben?“

Alexej antwortete nicht. Er trat wieder an den Metalltisch.

Die Buchstaben waren deutlich sichtbar. Sie wirkten frisch, doch das Blut um sie herum war bereits dunkel geworden.

Woronzow nahm eine Lampe und untersuchte die Stelle genauer.

„Das ist keine Tinte.“

„Was dann?“

„Ein Pigment. Vermutlich ein medizinischer Marker, vermischt mit einer chemischen Substanz.“

„Hat sie es selbst geschrieben?“

„Ich weiß es nicht.“

Er untersuchte die Hände der Toten. Unter ihren Fingernägeln befanden sich dunkle Partikel.

„Michail, ruf die Polizei. Aber nicht über das interne Telefon. Benutze dein Handy.“

„Warum?“

„Weil ich nicht sicher bin, ob hier nicht jemand mithört.“

### Zweiter Abschnitt – „Spuren unter den Fingernägeln“

Zwanzig Minuten später traf die Polizei ein.

Als Erster betrat Hauptmann Thomas Rivera den Raum – ein großer Mann mit müdem Gesicht und wachsamen Augen. Er hörte sich Woronzows Bericht an, untersuchte den Leichnam und ordnete an, den USB-Stick nicht weiter anzufassen.

„Wir werden ihn offiziell beschlagnahmen“, sagte er. „Aber zunächst müssen wir verstehen, was darauf gespeichert ist.“

„Anastasia warnt in dem Video vor der Äbtissin“, erklärte Michail.

„Beschuldigt sie sie direkt?“

„Sie sagt, man dürfe ihr nicht vertrauen.“

„Das ist keine direkte Beschuldigung. Es ist eine Warnung.“

Rivera zog Handschuhe an und trat an den Untersuchungstisch.

„Warum wurde die Obduktion noch nicht durchgeführt?“

„Wegen der Botschaft.“

„Zeigen Sie sie mir.“

Alexej erklärte seine bisherigen Entdeckungen. Rivera betrachtete lange die Schrift auf der Haut und untersuchte anschließend Anastasias Finger.

„Unter ihren Nägeln befinden sich Hautpartikel und Blut“, stellte er fest.

„Ihr eigenes Blut?“, fragte Michail.

„Das wissen wir noch nicht. Die Proben müssen ins Labor.“

Rivera wandte sich an den Arzt.

„Sind Sie sicher, dass nach der Einlieferung niemand außer Ihnen den Raum betreten hat?“

„Nur Michail und ich.“

„Und davor?“

„Die Sanitäter und der Fahrer.“

„Dann müssen alle befragt werden.“

In diesem Augenblick klopfte es. Ein Wachmann kam herein.

„Hauptmann, die Äbtissin ist wieder da. Sie verlangt, den Leichnam mitzunehmen.“

Rivera verzog den Mund zu einem kurzen Lächeln.

„Sie verliert keine Zeit.“

„Was soll ich ihr sagen?“

„Dass der Leichnam für die Ermittlungen zurückgehalten wird.“

Kurz darauf erklang aus dem Flur die ruhige, aber bestimmende Stimme der Äbtissin.

„Hauptmann, Sie verstehen nicht, womit Sie es zu tun haben. Diese Frau war psychisch instabil. Sie hatte Anfälle und hat sich bereits mehrfach selbst gefährdet.“

„Dann gibt es umso mehr Grund für eine Obduktion“, antwortete Rivera.

„Sie haben kein Recht, das Andenken an unsere Schwester zu beleidigen.“

„Ich habe das Recht und die Pflicht, ihre Todesursache festzustellen.“

Die Äbtissin betrat den Raum.

Diesmal lächelte sie nicht.

„Schwester Anastasia war krank“, wiederholte sie. „Sie glaubte, verfolgt zu werden. Vor einigen Tagen versuchte sie sogar zu fliehen.“

„Wohin?“, fragte Rivera.

„Das weiß ich nicht.“

„Warum haben Sie die Polizei nicht informiert?“

„Im Kloster lösen wir interne Angelegenheiten selbst.“

„Das ist keine Klosterregel, sondern möglicherweise ein Gesetzesverstoß.“

Die Äbtissin sah Alexej an.

„Doktor, Sie verstehen doch sicher, dass eine Obduktion nicht immer ein Zeichen von Respekt gegenüber den Toten ist.“

„Meine Aufgabe besteht weder darin, Respekt noch Respektlosigkeit zu zeigen. Meine Aufgabe ist es, die Wahrheit herauszufinden.“

„Die Wahrheit zerstört manchmal Leben.“

„Lügen ebenfalls.“

Woronzow war selbst überrascht, wie entschieden seine Antwort klang.

Die Äbtissin trat an den Leichnam und bekreuzigte sich.

„Armes Mädchen. Sie hatte solche Angst.“

„Wovor genau?“, fragte Rivera.

Die Frau sah ihm direkt in die Augen.

„Vor ihrer eigenen Vorstellungskraft.“

### Dritter Abschnitt – „Das Kloster auf dem Hügel“

Am nächsten Morgen fuhr Hauptmann Rivera zum Kloster. Alexej und Michail begleiteten ihn.

Das Kloster lag auf einem Hügel zwischen hohen Kiefern und alten Steinmauern. Von der Straße aus wirkte es friedlich und abgeschieden. Doch sobald Alexej das Gelände betrat, spürte er eine bedrückende Atmosphäre.

Die Nonnen bewegten sich beinahe lautlos und vermieden Blickkontakt. Einige wirkten verängstigt.

Die Äbtissin empfing die Männer in ihrem Büro.

„Sie hätten den Arzt nicht mitbringen müssen“, sagte sie.

„Doktor Woronzow begleitet uns als Fachmann“, erwiderte Rivera. „Wir möchten mit den Schwestern sprechen und Anastasias Zimmer untersuchen.“

„Ihr Zimmer ist versiegelt.“

„Von Ihnen?“

„Ja.“

„Warum?“

„Damit niemand die persönlichen Sachen der Verstorbenen berührt.“

Rivera zeigte seinen Dienstausweis.

„Ab jetzt übernehmen wir das.“

Anastasias Zimmer war klein und nahezu leer. Es gab ein schmales Bett, einen Holztisch, eine Ikone und einen Schrank mit wenigen Kleidungsstücken. An der Wand hing ein Kruzifix.

Alexej trat an den Tisch.

„Hier hat vor Kurzem jemand etwas gesucht.“

„Woher wissen Sie das?“, fragte Michail.

„Anhand des Staubs. Auf der Tischplatte sind rechteckige Abdrücke.“

Rivera öffnete eine Schublade. Darin lagen Bücher, Briefe und ein leerer Umschlag.

„Wer hat das Zimmer aufgeräumt?“

„Niemand“, antwortete die Äbtissin.

„Warum fehlen dann persönliche Gegenstände?“

„Schwester Anastasia lebte sehr asketisch.“

Michail entdeckte unter dem Bett eine Metallkiste. Sie war verschlossen.

„Öffnen Sie sie“, verlangte Rivera.

Die Äbtissin schwieg.

Der Hauptmann öffnete das Schloss schließlich selbst. In der Kiste lagen Fotografien.

Auf dem ersten Bild stand Anastasia vor einem Gebäude des Klosters. Auf dem zweiten war neben ihr eine weitere junge Nonne zu sehen. Ein drittes zeigte eine Gruppe von Frauen in identischer schwarzer Kleidung.

Auf der Rückseite jeder Aufnahme standen Datumsangaben.

„Diese Nonne ist nicht hier“, bemerkte Michail und zeigte auf eines der Bilder.

„Wer ist sie?“, fragte Rivera.

Die Äbtissin trat plötzlich näher.

„Das sind alte Fotos. Sie haben keine Bedeutung.“

„Ihr Name.“

„Schwester Maria.“

„Wo ist sie jetzt?“

Die Äbtissin wandte den Blick ab.

„Sie hat das Kloster verlassen.“

„Wann?“

„Vor drei Jahren.“

Alexej drehte die Fotografie um. Auf der Rückseite stand:

„Falls mir etwas zustößt, sucht unter der Kapelle.“

Rivera hob den Blick.

„Was befindet sich unter der Kapelle?“

„Nichts“, antwortete die Äbtissin auffallend schnell.

„Dann werden wir das überprüfen.“

Stille legte sich über den Raum.

In diesem Moment erschien eine junge Nonne in der Tür.

„Hauptmann“, sagte sie mit zitternder Stimme, „ich weiß, wo Schwester Maria ist.“

Die Äbtissin wurde blass.

### Vierter Abschnitt – „Die Zeugin“

Die junge Nonne hieß Isabel.

Sie bat darum, ohne die Äbtissin sprechen zu dürfen. Rivera führte sie in einen kleinen Raum neben der Küche.

„Ich wollte mich nicht einmischen“, begann Isabel. „Aber Schwester Anastasia bat mich, die Wahrheit zu erzählen, falls ihr etwas zustoßen sollte.“

„Welche Wahrheit?“

Isabel spielte nervös mit ihren Fingern.

„Vor drei Jahren verschwand Maria aus dem Kloster. Uns wurde gesagt, sie sei freiwillig gegangen. Das stimmt nicht.“

„Was ist passiert?“

„Sie entdeckte einen geheimen Raum unter der Kapelle.“

„Was befand sich dort?“

Isabel schloss die Augen.

„Dokumente. Geld. Pässe. Fotos von Frauen.“

Alexej runzelte die Stirn.

„Von welchen Frauen?“

„Von denen, die zur sogenannten Rehabilitation hierhergebracht wurden. Ihre Familien glaubten, das Kloster würde ihnen helfen, ein neues Leben zu beginnen. Doch einige von ihnen verschwanden später.“

„Wurden sie hier festgehalten?“

„Ich weiß es nicht genau. Ich habe nur gesehen, dass man ihnen Telefone und Dokumente wegnahm. Sie durften das Gelände nicht verlassen.“

Rivera notierte jedes Wort.

„Was geschah mit Maria?“

„Sie wollte zur Polizei. Die Äbtissin erfuhr davon und sperrte sie im Keller ein.“

„Haben Sie das gesehen?“

„Anastasia hat es gesehen. Sie half Maria nachts bei der Flucht. Sie brachte sie durch einen alten Tunnel hinaus.“

„Wohin ging Maria?“

„In die Stadt. Eine Woche später fand man sie tot.“

Alexej spürte einen kalten Schauer.

„Was war die offizielle Todesursache?“

„Eine Überdosis.“

„Anastasia glaubte das nicht?“

„Nein. Sie sagte, Maria habe keine Drogen genommen. Danach begann Anastasia, Beweise zu sammeln.“

Isabel zog einen kleinen Schlüssel aus ihrem Ärmel.

„Den hat sie mir gegeben.“

„Wozu gehört er?“

„Zur Tür unter der Kapelle.“

Plötzlich stürmte die Äbtissin herein.

„Genug!“

Rivera stand auf.

„Bleiben Sie stehen.“

„Dieses Mädchen weiß nicht, was es sagt. Sie ist krank.“

Isabel wich zurück.

„Ich bin nicht krank.“

„Du hast dein Schweigegelübde gebrochen“, zischte die Äbtissin.

„Ich habe drei Jahre geschwiegen!“, schrie Isabel. „Und wegen dieses Schweigens ist Anastasia jetzt tot!“

Schlagartig wurde es still.

Die Äbtissin betrachtete sie mit einem solchen Hass, dass selbst Rivera sichtbar angespannt war.

„Wird sie verhaftet?“, fragte Alexej.

„Noch nicht“, sagte der Hauptmann. „Aber jetzt haben wir genug für eine Durchsuchung.“

### Fünfter Abschnitt – „Unter der Kapelle“

Die verborgene Tür fanden sie hinter dem Altar. Eine Holzverkleidung verbarg einen schmalen Gang, der in die Tiefe führte.

Die Luft war feucht und schwer. Alte Rußspuren bedeckten die Wände, während auf dem Boden frische Kratzer zu erkennen waren.

„Hier wurde vor Kurzem etwas transportiert“, stellte Alexej fest.

Am Ende des Ganges befand sich eine Metalltür. Isabels Schlüssel passte.

Dahinter standen Schränke voller Akten. An der Wand hing eine Karte der Region mit zahlreichen roten Markierungen.

Rivera öffnete die erste Mappe.

Sie enthielt persönliche Daten von Frauen: Namen, Adressen, Fotografien und medizinische Informationen. Einige Seiten waren durchgestrichen und mit Datumsangaben versehen.

„Das sind keine gewöhnlichen Klosterunterlagen“, sagte Rivera.

Auf einem Regal lagen Dutzende Pässe. Einer davon gehörte Schwester Maria.

Daneben fanden sie mehrere USB-Sticks, Bankunterlagen und Listen mit Geldüberweisungen.

„Die Gelder kamen von privaten Stiftungen“, erklärte Rivera. „Ein Teil wurde anschließend auf ausländische Konten weitergeleitet.“

Michail entdeckte einen kleinen Audiorekorder.

Auf einer Aufnahme war die Stimme der Äbtissin zu hören:

„Sie weiß zu viel. Wenn Anastasia redet, verlieren wir alles.“

Dann antwortete eine Männerstimme:

„Dann sorgen Sie dafür, dass sie nicht mehr reden kann.“

Alexej ballte unwillkürlich die Hände.

„Das deutet auf Mord hin.“

Plötzlich hörten sie über sich ein Geräusch.

Jemand hatte die Tür der Kapelle verriegelt.

Kurz darauf roch es nach Rauch.

„Feuer!“, rief Michail.

Rauch drang bereits durch die Ritzen.

„Jemand will uns hier einschließen“, sagte Rivera.

Er versuchte die Tür zu öffnen, doch sie gab nicht nach.

Isabel begann zu weinen.

„Es gibt noch einen Ausgang. Einen alten Tunnel zum Garten.“

„Wo?“

„Hinter dem Schrank.“

Gemeinsam schoben sie den Schrank beiseite und entdeckten eine Öffnung in der Steinwand. Rivera kroch als Erster hinein und half anschließend Isabel. Alexej und Michail folgten.

Der Tunnel war eng, führte sie jedoch schließlich in einen verlassenen Garten.

Hinter ihnen stiegen bereits Rauchwolken auf.

Oben auf dem Hügel, vor dem Hauptgebäude, stand die Äbtissin.

In ihrer Hand hielt sie ein Mobiltelefon.

Sie sah direkt zu ihnen hinunter.

### Sechster Abschnitt – „Die Obduktion“

Die Untersuchung von Anastasias Leichnam wurde in Anwesenheit von Hauptmann Rivera durchgeführt.

Woronzow begann mit der äußeren Untersuchung. An den Armen fanden sich Hinweise darauf, dass sie festgehalten worden war. Im Halsbereich waren schwache Blutergüsse sichtbar. In ihrem Blut wurde außerdem ein seltenes Beruhigungsmittel nachgewiesen, das in Verbindung mit ihren Herzmedikamenten einen Herzstillstand auslösen konnte.

„Dann wurde sie vergiftet“, sagte Michail.

„Wahrscheinlich wurde ihr das Mittel verabreicht und anschließend ein natürlicher Tod vorgetäuscht“, erwiderte Alexej.

Bei der weiteren Untersuchung entdeckte er im Schulterbereich eine winzige Metallkapsel unter der Haut.

Darin befand sich eine Speicherkarte.

„Sie muss sie vor ihrem Tod versteckt haben“, sagte Rivera.

Die Karte enthielt Dutzende Videodateien.

Die Aufnahmen zeigten den Keller des Klosters, Gespräche der Äbtissin, fremde Besucher und Frauen, die in verschlossenen Räumen festgehalten wurden. Eines der Videos war nur wenige Stunden vor Anastasias Tod entstanden.

Darauf stand die Äbtissin der Nonne gegenüber.

„Du musst mir alles geben“, sagte sie.

„Ich habe bereits Kopien an Journalisten geschickt.“

„Du lügst.“

„In zwei Stunden wird alles veröffentlicht.“

Die Äbtissin schlug sie.

Dann brach die Aufnahme ab.

Rivera blickte auf seine Uhr.

„Zwei Stunden. Deshalb hinterließ sie die Botschaft auf ihrem Körper.“

„Sie wusste, dass ihr Leichnam hierhergebracht werden würde“, begriff Michail.

„Und sie hoffte, dass ein Arzt die Nachricht entdecken würde, bevor die Untersuchung abgeschlossen war.“

Alexej sah schweigend in Anastasias Gesicht.

Nun wirkte es auf ihn nicht mehr friedlich, sondern entschlossen.

Sie war gestorben – doch ihr Kampf um die Wahrheit ging weiter.

### Siebter Abschnitt – „Die letzte Aufnahme“

Die Äbtissin wurde wenige Stunden später in einem Landhaus festgenommen. Offenbar hatte sie versucht, das Land zu verlassen, war jedoch nicht weit gekommen.

Beim Verhör bestritt sie sämtliche Vorwürfe.

„Das Kloster war eine wohltätige Einrichtung“, wiederholte sie. „Ich habe Frauen vor ihren Familien geschützt.“

„Und die Pässe?“

„Wir haben sie zu ihrer Sicherheit aufbewahrt.“

„Das Geld?“

„Spenden.“

„Und Marias Tod?“

Die Äbtissin schwieg.

Als Rivera ihr die Tonaufnahme vorspielte und die gefundenen Dokumente vorlegte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Doch das wichtigste Beweismittel war Anastasias letzte Videoaufnahme.

Auf dem Bildschirm erschien sie blass, aber gefasst.

„Wenn ihr das hier seht, bedeutet es, dass ich nicht mehr selbst alles erzählen konnte. Unter der Kapelle befinden sich die Dokumente. Aber das Wichtigste ist: Sucht nach den Verschwundenen. Nicht alle sind tot. Einige Frauen befinden sich in einem abgeschlossenen Haus am Stadtrand. Man hält sie dort unter dem Vorwand einer Behandlung fest.“

Die Polizei fuhr sofort zu der genannten Adresse.

Im Haus fanden die Beamten sieben Frauen. Einige von ihnen waren so verängstigt, dass sie zunächst kaum glauben konnten, wirklich frei zu sein.

Eine von ihnen hieß Margarita. Sie berichtete, Anastasia habe mehrfach versucht, ihnen zu helfen, doch die Äbtissin habe jeden ihrer Schritte überwacht.

„Sie sagte uns, dass selbst dann jemand die Wahrheit erfahren würde, wenn sie sterben sollte“, flüsterte Margarita.

Wenige Tage später wurde das Kloster versiegelt. Eine umfassende Untersuchung begann, die die gesamte Region erschütterte.

Anastasias Leichnam wurde erst nach Abschluss aller Untersuchungen zur Beerdigung freigegeben.

Dutzende Menschen nahmen an der Trauerfeier teil. Manche hatten sie persönlich gekannt, andere erst durch die Nachrichten von ihrer Geschichte erfahren.

Alexej stand etwas abseits und beobachtete, wie Isabel Blumen auf das Grab legte.

„Warum hat sie ausgerechnet die Leichenhalle gewählt?“, fragte Michail.

Woronzow antwortete erst nach einigen Augenblicken.

„Weil sie wusste, dass ein Körper hier nicht einfach nur ein Körper ist. Hier wird er genau untersucht.“

„Sie war also sicher, dass Sie ihre Botschaft verstehen würden.“

„Nein“, sagte Alexej. „Sie hat darauf gehofft.“

Sein Blick fiel auf die steinerne Grabplatte.

Darauf waren ihr Name und ein Satz eingraviert:

**„Schwester Anastasia. Sie ließ niemals zu, dass die Angst lauter sprach als die Wahrheit.“**

Am Abend, als alle gegangen waren, kehrte Alexej in die Leichenhalle zurück.

Alles war wie zuvor: kaltes Metall, weißes Licht und das leise Summen der Kühlanlagen.

Auf dem Tisch lag eine Kopie des letzten Fotos von Anastasia.

Woronzow nahm es in die Hand und drehte es um.

Auf der Rückseite befand sich eine kurze Nachricht, die die Ermittler erst bei einer erneuten Untersuchung entdeckt hatten:

**„Wenn ihr das gefunden habt, ist das Geheimnis noch nicht vorbei.“**

Alexej erstarrte.

In einer Ecke der Fotografie stand ein Datum.

Es war der Tag vor Anastasias Tod.

Daneben befand sich der Name eines Mannes, den bis zu diesem Augenblick niemand verdächtigt hatte:

**Dr. Alexej Woronzow.**

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