Kapitel 1: Die Spuren, die der Regen nicht fortwaschen konnte
Mit einem lauten Knall schlug die Tür gegen die Wand.
Wera schrie erschrocken auf und wich einige Schritte zurück. Instinktiv zog sie ihren alten, ausgewaschenen Morgenmantel enger um die Schultern und presste ihn an ihre Brust.
„Tante Anna! Was machen Sie denn?!“, stieß sie verängstigt hervor.
Anna trat ohne zu zögern ins Haus.
Ihr Herz hämmerte so heftig, dass das Blut in ihren Ohren rauschte. Jede Faser ihres Körpers war von Angst und Unruhe erfüllt.
„Wo ist Natascha?“
„Ich habe doch gesagt … ich weiß es nicht …“
„Sieh mir in die Augen!“
Wera begann zu zittern.
Seit vielen Jahren kannten die Bewohner von Gluchije Mchi Anna Sokolowa als ruhige, besonnene und vernünftige Frau. Sie verlor nie die Beherrschung, sprach selten laut und war dafür bekannt, in schwierigen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren.
Doch die Frau, die nun vor Wera stand, war nicht mehr dieselbe.
Ihre Augen wirkten dunkel, beinahe schwarz vor Sorge. In ihrem Blick lag etwas, das Wera noch nie zuvor gesehen hatte.
Verzweiflung.
„Sie ist vor mir gegangen“, flüsterte das Mädchen schließlich. „Gegen zehn Uhr.“
„Allein?“
Wera zögerte.
Nur für einen Augenblick.
Doch dieser Augenblick genügte.
Anna spürte, wie ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief.
„Wer war bei ihr?“
„Ich bin mir nicht sicher …“
„Rede!“
„Ich glaube … Semjon Kriwzow und seine Freunde.“
Im Raum breitete sich eine bedrückende Stille aus.
Anna sank langsam auf einen Hocker.
Der Name allein genügte.
Jeder im Dorf fürchtete Semjon Kriwzow.
Der fünfundzwanzigjährige Taugenichts war bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Zweimal hatte gegen ihn wegen schwerer Schlägereien ermittelt werden müssen. Seine engsten Gefährten, die Gordejew-Brüder, waren kaum besser.
Nach ihrer Arbeit im Holzeinschlag vertranken sie oft wochenlang ihren Lohn, gerieten ständig in Streit und hielten die Menschen der Umgebung in Angst.
Und dennoch hatte man ihnen nie etwas nachweisen können.
Immer fehlten die Beweise.
Immer fanden sich Zeugen, die plötzlich nichts mehr gesehen hatten.
„Wohin sind sie gegangen?“, fragte Anna leise.
„Zum alten Waldklub. Dort gab es gestern Abend Musik.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte Anna sich um und lief hinaus.
Draußen hatte der Regen noch einmal zugenommen.
Der Wind riss an ihrem Kopftuch und peitschte kalte Tropfen in ihr Gesicht.
Fast rennend durchquerte sie das Dorf.
Als sie den verlassenen Klub erreichte, war niemand mehr dort.
Nur einige durchnässte Zigarettenstummel lagen vor der Veranda.
Und im Schlamm zeichneten sich zahlreiche Stiefelspuren ab.
Lange stand Anna im Regen.
Sie suchte verzweifelt nach irgendeinem Hinweis.
Irgendetwas.
Und dann bemerkte sie es.
Zwischen den Spuren lag eine kleine weiße Perlmuttknopf.
Unscheinbar.
Doch Anna erkannte ihn sofort.
Genau solche Knöpfe waren an Nataschas blauem Kleid angenäht.
Ihre Hände begannen zu zittern.
Behutsam hob sie den Knopf auf und schloss die Faust darum.
„Mein Gott …“, flüsterte sie.
Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich.
Sie drehte sich um.
Es war Ignat Petrowitsch, der alte Förster.
Ein hagerer Mann mit grauem Bart und einem Gesicht, das von tiefen Falten durchzogen war. Jahrzehnte im Wald hatten seine Züge hart gemacht, doch seine Augen verrieten Erfahrung und Weisheit.
„Anna?“
„Ignat Petrowitsch … Natascha ist verschwunden …“
Der Alte runzelte die Stirn.
„Ich habe die drei gestern Abend gesehen.“
„Wo?“
„An der alten Moorstraße.“
Anna hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihren Füßen verschwinden.
Die Moorstraße besaß seit Jahrzehnten einen düsteren Ruf.
Selbst erfahrene Jäger mieden diesen Ort.
Zu viele Menschen waren dort spurlos verschwunden.
Zu viele Geschichten erzählte man sich darüber.
Der Förster sah sie aufmerksam an.
„Heute Morgen ist mir noch etwas aufgefallen.“
„Was denn?“
Einen Moment lang schwieg er, als würde er überlegen, ob er es überhaupt aussprechen sollte.
Dann sagte er:
„Am Straßenrand lag ein Frauenkopftuch.“
Anna erstarrte.
„Welche Farbe?“
„Blau.“
Ihre Lippen wurden blass.
„Genau wie das von Natascha.“
Für einen Moment blieb ihr die Luft weg.
„Wo ist es jetzt?“
„Bei mir zu Hause.“
Einige Sekunden lang schwiegen beide.
Nur der Regen rauschte durch die Dunkelheit.
Dann sprach Ignat die Worte aus, die Anna das Blut in den Adern gefrieren ließen.
„Ich habe außerdem Spuren gesehen.“
„Welche Spuren?“
„Drei Männer sind aus dem Wald zurückgekommen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Aber die Spuren einer Frau waren nicht mehr dabei.“
Anna schloss langsam die Augen.
Zum ersten Mal in dieser langen Nacht verspürte sie nicht nur Angst.
Etwas anderes begann in ihr zu wachsen.
Etwas Kaltes.
Etwas Schweres.
Etwas Gefährliches.
Noch wusste sie nicht, dass schon wenige Tage später die Menschen im gesamten Bezirk ihren Namen nur noch flüsternd aussprechen würden.
Und dass die drei Männer, vor denen das ganze Dorf Angst hatte, bald selbst bei jedem Geräusch erschrocken über die Schulter blicken würden.
Denn der Regen kann vieles fortwaschen.
Doch manche Spuren bleiben für immer bestehen.
„Sie haben sie geschleift.“
„Was?“
„Hier hat sie sich gewehrt.“
Anna spürte, wie ihre Knie weich wurden. Für einen Moment glaubte sie, jeden Halt zu verlieren. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, während ihr Herz schmerzhaft gegen die Brust hämmerte.
Doch sie zwang sich, stehen zu bleiben.
Jetzt war nicht die Zeit, zusammenzubrechen.
Nicht die Zeit zu weinen.
Jede Minute konnte über Natashas Schicksal entscheiden.
Gemeinsam gingen sie weiter.
Der schmale Pfad führte sie immer tiefer in den Wald hinein. Die Bäume standen dicht beieinander, ihre dunklen Kronen ließen kaum Licht durch. Überall hingen feuchte Moosfetzen von den Ästen, und der Wind ließ sie wie geisterhafte Gestalten hin und her schaukeln.
Schließlich erreichten sie eine alte Waldhütte.
Seit dem Krieg hatte niemand mehr dort gewohnt.
Das Gebäude wirkte wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.
Die Tür hing schief in einer einzigen rostigen Angel. Die Bretter der Wände waren verfault und von Pilzen überzogen.
Als sie eintraten, schlug ihnen ein schwerer Geruch von Feuchtigkeit, Moder und Schimmel entgegen.
Auf dem Boden lagen leere Flaschen.
Zigarettenstummel.
Zerrissene Zeitungsfetzen.
Ignat betrachtete die Spuren aufmerksam und runzelte die Stirn.
„Sie waren hier“, sagte er düster.
Anna ließ ihren Blick durch den Raum wandern.
Plötzlich erstarrte sie.
In einer Ecke lag etwas Kleines, das im schwachen Licht aufblitzte.
Mit zitternden Fingern hob sie es auf.
Es war ein Ohrring.
Ein kleiner silberner Ohrring in Form eines Blattes.
Sofort erkannte sie ihn.
Natasha hatte ihn zu ihrem sechzehnten Geburtstag von ihrem inzwischen verstorbenen Vater geschenkt bekommen.
Anna schloss die Hand fest darum.
Zum ersten Mal seit dem Verschwinden ihrer Tochter traten ihr Tränen in die Augen.
Doch genau in diesem Moment ertönte draußen ein Geräusch.
Ein Rascheln.
Schnelle Schritte.
Jemand bewegte sich hastig durch das Gebüsch.
Ignat reagierte sofort.
Ohne ein Wort stürmte er hinaus.
Anna blieb allein zurück und lauschte angespannt.
Jede Sekunde zog sich wie eine Ewigkeit.
Nach einigen Minuten kehrte der Förster zurück.
Sein Gesichtsausdruck war finster.
„Niemand da.“
„Wer war das?“
„Jemand hat uns beobachtet.“
Anna spürte, wie ihr kalte Gänsehaut über die Arme lief.
Jemand wusste also, dass sie nach Natasha suchten.
Und dieser Jemand hatte Angst.
Angst davor, dass sie etwas entdecken könnten.
Etwas, das besser verborgen geblieben wäre.
Als sie später ins Dorf zurückkehrten, standen vor dem Laden bereits Semjon Kriwzow und die Gordejew-Brüder.
Sie lachten laut.
Scherzten miteinander.
Als wäre nichts geschehen.
Als wäre keine junge Frau spurlos verschwunden.
Semjon bemerkte Anna zuerst.
Ein spöttisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
„Warum so finster, Tante Anja?“
Die Männer neben ihm brachen in schallendes Gelächter aus.
Anna blieb stehen.
Langsam hob sie den Kopf und blickte ihm direkt in die Augen.
Eine Sekunde verging.
Dann noch eine.
Und plötzlich begann sein Lächeln zu verblassen.
Etwas an ihrem Blick machte ihn nervös.
Schließlich senkte er als Erster die Augen.
„Ich werde sie finden“, sagte Anna leise.
„Wen denn?“, fragte er höhnisch.
„Natasha.“
Semjon zuckte mit den Schultern.
Doch für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in seinen Augen auf.
Etwas Neues.
Nicht Spott.
Nicht Überheblichkeit.
Sondern Angst.
Noch schwach.
Fast unsichtbar.
Aber Anna hatte sie gesehen.
In diesem Augenblick begriff sie, dass diese Männer weit mehr wussten, als sie zugaben.
Viel mehr.
Und wenn das stimmte, dann war die Wahrheit nicht mehr fern.
Sie war näher, als irgendjemand ahnte.
Und bald würde das Moor seine Geheimnisse preisgeben.
Kapitel 3
Lebendig unter den Totenmooren
Die nächsten beiden Tage wurden für Anna zu einem endlosen Albtraum.
Sie aß kaum noch.
Sie schlief fast gar nicht.
Tag und Nacht zog sie durch das Dorf und stellte immer dieselbe Frage.
„Habt ihr Natasha gesehen?“
Die Menschen senkten den Blick.
Manche schüttelten schweigend den Kopf.
Andere gingen hastig weiter.
Die Angst lebte schon lange in Gluchije Mchi.
Zu lange hatten Semjon Kriwzow und die Gordejew-Brüder getan, als gehörte ihnen das Dorf.
Doch Anna hatte aufgehört, Angst zu haben.
Wer bereits alles verloren hatte, konnte kaum noch bedroht werden.
Am dritten Tag nach Natashas Verschwinden klopfte jemand an ihre Tür.
Vor ihr stand der zwölfjährige Mischa Saweljew.
Ein schmächtiger Junge mit Sommersprossen, der den Förstern im Sommer oft geholfen hatte.

Nervös knetete er seine Mütze zwischen den Fingern.
„Tante Anja …“
„Was ist passiert?“
„Ich habe etwas gesehen.“
Anna erstarrte.
„Komm herein.“
Der Junge setzte sich.
Lange sagte er kein Wort.
Dann flüsterte er:
„Sie dürfen niemandem erzählen, dass ich es gesagt habe.“
„Ich verspreche es.“
Mischa nickte.
„An dem Abend war ich beim Moor.“
Anna hielt unwillkürlich den Atem an.
„Und?“
„Ich habe Semjons Lastwagen gesehen.“
„Wo?“
„Bei der alten Kahlschlagfläche.“
Der Junge schluckte schwer.
„Sie haben jemanden getragen.“
Im Raum wurde es vollkommen still.
Selbst die Uhr an der Wand schien aufgehört zu haben zu ticken.
„Bist du sicher?“
„Ja.“
„Wen?“
„Das konnte ich nicht erkennen.“
„Erzähl weiter.“
„Danach sind sie zur Schwarzen Sumpfstelle gefahren.“
Anna sprang auf.
Die Schwarze Sumpfstelle.
Der gefährlichste Ort der ganzen Gegend.
Die Alten erzählten seit Generationen Geschichten darüber.
Menschen seien dort verschwunden.
Pferde mitsamt ihren Wagen in der Tiefe versunken.
Und geheimnisvolle Moorlichter hätten Wanderer in die tödliche Falle gelockt.
Noch am selben Tag machte sich Anna mit Ignat auf den Weg.
Das Wetter schien sich gegen sie verschworen zu haben.
Dunkle Wolken bedeckten den Himmel.
Ein kalter Regen setzte ein.
Doch sie gingen weiter.
Der Pfad wurde immer schmaler.
Nasse Äste schlugen gegen ihre Kleidung.
Unter ihren Füßen schmatzte der aufgeweichte Boden.
Plötzlich hob Ignat die Hand.
„Warte.“
Anna blieb stehen.
Zwischen den Moorhügeln lag etwas Dunkles.
Vorsichtig gingen sie näher.
Es war ein alter Damenschuh.
Verschmutzt.
Durchnässt.
Aber unverkennbar.
Anna erkannte ihn sofort.
Er gehörte Natasha.
Tränen füllten ihre Augen.
Doch plötzlich kniete Ignat nieder.
„Schau.“
Neben dem Schuh waren Abdrücke im Schlamm.
Frische Spuren.
Sehr frische.
Kleine Fußabdrücke einer Frau.
Anna wagte kaum noch zu atmen.
„Lebt sie?“
Ignat betrachtete die Spuren sorgfältig.
„Ich weiß es nicht.“
„Aber sie könnten von ihr sein?“
„Sehr wahrscheinlich.“
Sie folgten den Abdrücken.
Mehrere hundert Meter später öffnete sich der Wald plötzlich.
Vor ihnen stand eine alte Jagdhütte.
Schief.
Halb verfallen.
Vergessen von der Welt.
Die Tür war verschlossen.
Anna trat näher.
Da hörte sie etwas.
Ein Geräusch.
So leise, dass sie zunächst glaubte, es sich eingebildet zu haben.
Klopfen.
Als würde jemand von innen gegen die Wand schlagen.
Einmal.
Dann Stille.
Noch einmal.
Anna wurde kreidebleich.
„Ignat …“
Auch der Förster hatte es gehört.
Ihre Blicke trafen sich.
Wieder ertönte das Klopfen.
Diesmal lauter.
Ohne zu zögern packte Ignat einen schweren Baumstamm.
Mit dem ersten Schlag splitterte die Tür.
Mit dem zweiten riss sie aus den Angeln.
Anna stürmte hinein.
Halbdunkel.
Feuchtigkeit.
Schimmelgeruch.
Und dann hörte sie aus der hintersten Ecke eine schwache, erschöpfte Stimme.
„Mama …“
Die Zeit blieb stehen.
Die Welt verschwand.
Es gab nur noch diese Stimme.
Und die schmale Gestalt, die zusammengesunken auf dem Boden saß.
Natasha.
Blass.
Erschöpft.
Gezeichnet von Angst und Entbehrungen.
Aber sie lebte.
„Natascha!“
Anna stieß einen erstickten Schrei aus und stürzte auf ihre Tochter zu. Sie schlang die Arme so fest um sie, als könnte sie sie allein durch ihre Umarmung vor allem Bösen dieser Welt beschützen. Es war, als hätte sie Angst, dass das Mädchen jeden Augenblick wieder verschwinden könnte.
Natascha klammerte sich ebenso verzweifelt an ihre Mutter.
Beide weinten.
Lange.
Tief.
Ohne ein einziges Wort zu sagen.
In diesem Moment brauchten sie keine Erklärungen. Die Tränen erzählten alles: die Angst, die Verzweiflung, die Hoffnung und die unbeschreibliche Erleichterung, sich wiedergefunden zu haben.
Schließlich hob Natascha ihr tränenüberströmtes Gesicht.
Ihre Lippen zitterten.
„Mama …“
Anna strich ihr vorsichtig über das Haar.
„Ich bin hier, mein Kind.“
Nataschas Blick wurde plötzlich von neuer Angst überschattet.
„Sie werden zurückkommen.“
Anna erstarrte.
„Wer?“
Das Mädchen zuckte zusammen.
„Semjon … und die Gordejews.“
Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
In diesem Augenblick durchschnitt ein lautes Motorengeräusch die Stille des Waldes.
Erst fern.
Dann näher.
Und immer näher.
Ignat fuhr sofort herum und blickte zur Tür.
Sein Gesicht wurde hart wie Stein.
„Zu spät.“
Anna spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror.
Auch sie hatte das Geräusch gehört.
Jemand kam zur Hütte.
Und diese Menschen würden mit Sicherheit keine Zeugen am Leben lassen.
# Kapitel 4 – Die Mutter, die sie unterschätzt hatten
Der Motor dröhnte inzwischen direkt vor der Hütte.
Die alte Försterhütte erzitterte unter den Böen des Windes. Irgendwo zwischen den dunklen Bäumen krächzten Krähen, als würden sie das kommende Unheil bereits spüren.
Vorsichtig trat Ignat an das zerbrochene Fenster und blickte hinaus.
Kaum hatte er einen Blick geworfen, verdüsterte sich sein Gesicht.
„Sie sind es.“
Anna zog Natascha noch näher an sich.
Das Mädchen zitterte am ganzen Körper.
Die wenigen Tage in Gefangenschaft hatten ihr mehr genommen als nur ihre Freiheit. Sie schien um Jahre gealtert zu sein.
„Mama, sie werden uns niemals gehen lassen“, flüsterte sie.
Anna erhob sich langsam.
Etwas hatte sich in ihr verändert.
Die Angst war verschwunden.
Zurück blieb nur Entschlossenheit.
Jene besondere Entschlossenheit, die entsteht, wenn ein Mensch bereits dem Schlimmsten ins Auge geblickt hat und nichts mehr zu verlieren glaubt.
Sie sah ihre Tochter an.
„Nein, mein Schatz“, sagte sie leise, aber mit einer Festigkeit, die keinen Zweifel zuließ. „Heute wird das alles ein Ende haben.“
Vor der Hütte kam ein Lastwagen zum Stehen.
Männerstimmen waren zu hören.
Semjon.
Einer der Gordejew-Brüder.
Und Viktor.
Sie lachten sogar.
Sie waren überzeugt, zu wehrlosen Opfern zurückzukehren.
Doch sie irrten sich.
Ignat schob den schweren Riegel vor die Tür.
„Lange wird sie nicht halten.“
Anna ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.
In einer Ecke lagen alte Werkzeuge, die einst Jäger und Waldarbeiter benutzt hatten.
Zwischen rostigen Eisenstücken entdeckte sie eine schwere Schneiderschere, mit der früher Netze und grobe Säcke repariert worden waren.
Sie hob sie auf.
Das kalte Metall lag schwer in ihrer Hand.
Seltsam vertraut.
Diese Hände hatten ihr ganzes Leben lang geschaffen.
Genäht.
Geflickt.
Beschützt.
Sie hatten Wärme gespendet und Fürsorge gegeben.
Nun waren sie bereit, zu verteidigen.
Die Tür erbebte unter einem gewaltigen Schlag.
„Kommt raus!“, brüllte Semjon von draußen.
Niemand antwortete.
Ein zweiter Schlag.
Dann ein dritter.
Die morschen Bretter ächzten bedrohlich.
Gerade als die Tür nachzugeben drohte, erklang plötzlich ein weiteres Motorengeräusch.
Anders.
Kräftiger.
Kurz darauf folgte ein zweites.
Ignat lächelte.
Zum ersten Mal seit vielen Tagen.
„Sie haben es geschafft.“
Anna blickte ihn verwundert an.
„Wer?“
„Menschen.“
Während Anna verzweifelt nach ihrer Tochter gesucht hatte, war der alte Förster nicht untätig geblieben.
Er war ins Kreiszentrum gefahren.
Er hatte mit der Miliz gesprochen.
Und er hatte Männer aus den umliegenden Dörfern zusammengerufen, Menschen, die es leid waren, ihr Leben in Angst zu verbringen.
Als die Tür schließlich mit lautem Krachen zusammenbrach, stürmte Semjon als Erster hinein.
Doch statt verängstigter Opfer erwartete ihn etwas völlig anderes.
Helle Taschenlampen blendeten ihn.
Milizionäre standen mit ernsten Gesichtern vor ihm.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Stehen bleiben!“, donnerte die Stimme eines Hauptmanns.
Die Gordejews versuchten zu fliehen.
Aber es war zu spät.
Innerhalb weniger Minuten wurden alle drei festgenommen.
Die Wahrheit begann ans Licht zu kommen.
In den folgenden Wochen deckten die Ermittlungen immer mehr auf.
Natascha war keineswegs ihr erstes Opfer gewesen.
Viele Menschen hatten geschwiegen.
Aus Angst.
Aus Scham.
Oder weil sie nicht mehr daran geglaubt hatten, dass Gerechtigkeit überhaupt existieren könnte.
Doch nach den Verhaftungen fanden die Menschen endlich den Mut zu sprechen.
Männer und Frauen traten vor.
Einer nach dem anderen.
Jeder brachte ein weiteres Stück Wahrheit ans Licht.
Und schließlich konnte niemand mehr die Verbrechen verbergen.
Im Herbst 1973 fiel das Urteil.
Lange Haftstrafen.
Für die gesamte Region wurde der Prozess zu einem Ereignis, über das noch viele Jahre gesprochen wurde.
Fünf Jahre vergingen.
Der Sommer war warm und sonnig.
Anna saß auf der Veranda ihres Hauses und sortierte bunte Garnrollen für einen neuen Teppichläufer.
Kinderlachen erfüllte den Hof.
Zwei kleine Jungen jagten fröhlich um eine junge Frau herum.
Natascha.
Sie hatte ihr Studium erfolgreich abgeschlossen.
Später widmete sie ihr Leben tatsächlich der Erforschung von Flüssen und Wasserressourcen – genau so, wie sie es sich als junges Mädchen erträumt hatte.
Manchmal schenkt das Schicksal einem Menschen tatsächlich eine zweite Chance.
Natascha trat zu ihrer Mutter und setzte sich neben sie.
„Woran denkst du?“
Anna lächelte.
„Daran, wie schnell das Leben vergeht.“
Die Tochter nahm ihre Hand.
„Danke, Mama.“
„Wofür denn?“
Natascha sah sie lange an.
„Dafür, dass du niemals aufgegeben hast.“
Anna blickte in die Ferne.
Dort, wo sich hinter den Wäldern die Sümpfe erstreckten.
Jene Orte, die einst Sinnbild ihrer größten Angst gewesen waren.
Heute waren sie nur noch Erinnerungen.
„Jede Mutter hätte dasselbe getan“, sagte sie leise.
Doch Natascha wusste, dass das nicht ganz stimmte.
Nicht jede.
Denn manchmal stellt das Schicksal das Böse einem Menschen gegenüber, der sich nicht brechen lässt.
Und wenn das geschieht, beginnen selbst die tiefsten Sümpfe, ihre Geheimnisse preiszugeben.
## Epilog
Die Geschichte von Anna Sokolowa wurde noch jahrzehntelang weitererzählt.
Doch die Menschen erinnerten sich nicht an die Verbrecher.
Nicht an die Angst.
Nicht an die verlassene Hütte inmitten der Sümpfe.
Sie erinnerten sich an eine Mutter, die sich weigerte, den Verlust ihrer Tochter zu akzeptieren.
Oft gewinnt das Böse nur deshalb an Macht, weil die Menschen schweigen.
Doch manchmal genügt ein einziger Mensch, der den Mut findet aufzustehen und zu kämpfen.
Dann beginnt die Angst zu weichen.
Und genau deshalb wiederholten die Bewohner dieser Gegend noch viele Jahre später denselben Satz:
„Hüte dich davor, fremden Kindern Leid zuzufügen. Denn du weißt niemals, wozu ihre Mutter fähig ist.“



