**Teil 2 – Die Fortsetzung der Geschichte**
„Den Geschäftsführer?“
Der Kellner schnaubte.
„Natürlich. Sofort.“
Sein Tonfall sagte genau das Gegenteil.
Er ging zur Bar und flüsterte dem Barkeeper etwas zu. Beide lachten.
Ich blieb am Tisch sitzen.
Mein Blick fiel auf den leeren Teller vor mir.
Oanas Platz.
Vierzig Jahre.
An jedem Hochzeitstag hatte sie dort gesessen.
Anfangs auf billigen Holzstühlen, die wir gebraucht gekauft hatten.
Später, als das Restaurant gut lief, hatten wir die Tische, die Stühle, die Küche und fast die gesamte Einrichtung erneuert.
Doch der Tisch am Fenster war geblieben.
Tisch 7.
Oanas Tisch.
Mein Tisch.
Nach einigen Minuten erschien ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren.
Dunkler Anzug.
Teure Uhr.
Das Handy in der Hand.
„Guten Abend. Ich bin Radu, der Geschäftsführer. Wie ich höre, gibt es ein Problem mit der Bezahlung.“
Nicht mit der Rechnung.
Mit der Bezahlung.
Der Unterschied war mir nicht entgangen.
Ich schob ihm die Rechnungsmappe hin.
„Das Essen, das ich bestellt habe, kostet 620 Lei. Auf der Rechnung stehen 4.100.“
Radu wirkte nicht einmal überrascht.
„Sie haben auch eine Flasche unseres Premiumweins erhalten.“
„Die habe ich nicht bestellt.“
„Sie wurde an Ihrem Tisch geöffnet.“
„Der Kellner hat mir gesagt, sie gehe aufs Haus.“
Radu sah ihn an.
„Haben Sie das gesagt?“
Der Kellner zuckte mit den Schultern.
„Daran kann ich mich nicht erinnern.“
Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte ich.
„Dann können uns vielleicht die Aufnahmen der Überwachungskameras helfen.“
Der Gesichtsausdruck des Geschäftsführers veränderte sich ein wenig.
„Wir müssen wegen eines Missverständnisses doch keinen solchen Aufstand machen.“
„Ich mache keinen Aufstand.“
Ich deutete auf die Rechnung.
„Ich möchte lediglich das bezahlen, was ich bestellt habe.“
Radu senkte die Stimme.
„Mein Herr, vielleicht sollten wir das diskret klären. Wir haben schließlich noch andere Gäste.“
„Genau das versuche ich.“
Der Kellner mischte sich ein.
„Ich habe es Ihnen doch gesagt. Wenn er es sich nicht leisten kann …“
Radu bedeutete ihm, still zu sein.
Zu spät.
„Wie heißen Sie?“, fragte ich ihn.
„Andrei.“
„Wie lange arbeiten Sie schon hier, Andrei?“
Er lachte.
„Was spielt das für eine Rolle?“
„Für mich spielt es eine.“
„Acht Monate.“
Ich nickte langsam.
„Und Sie?“, fragte ich den Geschäftsführer.
„Fast zwei Jahre.“
Da verstand ich, weshalb ich niemanden kannte.
Ich holte mein Handy hervor.
Plötzlich wurde Radu aufmerksam.
„Wen rufen Sie an?“
„Jemanden, der schon länger als zwei Jahre hier arbeitet.“
Ich suchte eine Nummer heraus.
„Mein Herr, das ist wirklich nicht nötig …“
Ich drückte auf die Anruftaste.
Nach wenigen Sekunden meldete sich eine Stimme.
„Guten Abend.“
„Mihai? Hier ist Nicolae.“
Stille.
Dann veränderte sich seine Stimme vollkommen.
„Herr Nicolae?“
„Ja.“
„Geht es Ihnen gut?“
Ich sah den Geschäftsführer an.
„Ich bin im Restaurant.“
Wieder eine Pause.
„Im Restaurant?“
„An Tisch 7.“
Ich sah, wie Radu allmählich die Farbe aus dem Gesicht wich.
Offenbar kam ihm mein Name endlich bekannt vor.
„Ich bin sofort da“, sagte Mihai.
Ich legte auf.
Der Geschäftsführer starrte mich an.
„Sie sind … Nicolae Pop?“
„Ja.“
Der Kellner blickte zwischen Radu und mir hin und her.
„Wer ist das?“
Der Geschäftsführer antwortete ihm nicht.
Mihai war in weniger als zwanzig Minuten da.
Er war zweiundfünfzig und hatte bereits an meiner Seite gearbeitet, als das Restaurant gerade einmal acht Tische hatte.
Auf dem Papier war ich weiterhin Eigentümer des Unternehmens und der Räumlichkeiten. Nach Oanas Tod hatte ich mich jedoch fast vollständig aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Die operative Leitung hatte ich einem Team überlassen, dem ich vertraut hatte.
Zu sehr, wie ich noch feststellen sollte.
Als Mihai den Gastraum betrat und mich sah, blieb er stehen.
Dann bemerkte er den zweiten Teller.
Er senkte den Blick.
Er wusste, welcher Tag heute war.
„Vierzig Jahre“, sagte er leise.
Ich nickte.
„So viele wären es gewesen.“
Mihai atmete tief ein.
„Es tut mir leid.“
Radu schaltete sich ein.
„Herr Mihai, es gab lediglich ein kleines Missverständnis …“
Ich reichte Mihai die Rechnung.
Er las sie.
Seine Stirn legte sich in Falten.
„Was soll das sein?“
„Genau das möchte ich auch wissen.“
Er prüfte die einzelnen Positionen.
Dann sah er die Weinflasche an.
„Herr Nicolae trinkt keinen Alkohol.“
Radu versuchte zu lächeln.
„Das wusste der Kellner vermutlich nicht.“
„Warum steht die Flasche dann auf der Rechnung?“
Niemand antwortete.
Da erinnerte ich mich an das schwarze Schild, das Andrei hatte verschwinden lassen, als ich mich gesetzt hatte.
„Da wäre noch etwas.“
Ich sah ihn an.
„Holen Sie das Schild aus Ihrer Tasche.“
Andrei erstarrte.
„Was für ein Schild?“
„Das, das Sie vom Tisch genommen haben, als ich hereinkam.“
„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
Mihai streckte die Hand aus.
„Andrei.“
Der junge Mann seufzte und zog das Schild hervor.
Ich setzte meine Brille auf.
Darauf stand:

**RESERVIERT — OANAS TISCH**
Zum ersten Mal an diesem Abend zitterten meine Hände.
„Wer hat das hier aufgestellt?“
Mihai antwortete:
„Ich.“
Ich hob den Blick.
„Warum?“
„Frau Oana hat mich vor ihrem Tod darum gebeten.“
Ich blieb reglos sitzen.
„Was?“
Mihai setzte sich neben mich.
„Sie sagte, falls Sie irgendwann allein hierher zurückkommen, müsse dieser Tisch auf Sie warten.“
Ich nahm meine Brille ab.
Mit einem Mal war die Rechnung unwichtig.
Der Wein auch.
Und der Kellner ebenso.
Ich berührte die Tischkante.
„Warum hast du mir nie davon erzählt?“
„Weil sie mich gebeten hat, Sie nicht von mir aus herzuholen. Sie sagte, Sie müssten kommen, wenn Sie so weit wären.“
Ich sah den leeren Stuhl an.
Genau so etwas hätte Oana getan.
Doch die Sache mit der Rechnung musste trotzdem geklärt werden.
Ich bat Mihai, niemanden auf der Stelle zu entlassen.
„Zuerst prüfen wir alles.“
In den folgenden Tagen ließ ich die Rechnungen, Stornierungen, manuell hinzugefügten Positionen und Beschwerden überprüfen.
Ich wollte aus einem einzigen Erlebnis keine Anschuldigung gegen die gesamte Belegschaft machen.
Die Ergebnisse zeigten jedoch, dass es sich um mehr als einen einzelnen Fehler handelte.
Auf mehreren Rechnungen waren zusätzliche Positionen aufgetaucht, die erst dann korrigiert worden waren, wenn sich ein Gast beschwert hatte.
Meist betraf es ältere Menschen oder Touristen, von denen das Personal offenbar annahm, dass sie nicht genau hinsehen würden.
Manche Abweichungen waren gering.
Andere keineswegs.
Radu behauptete, nichts davon gewusst zu haben.
Die interne Prüfung ergab jedoch, dass es bereits Beschwerden gegeben hatte, denen die Leitung nicht angemessen nachgegangen war.
Ich machte keine Szene im Restaurant.
Ich übergab die Unterlagen dem Buchhalter und dem Anwalt. Anschließend leiteten wir die erforderlichen Schritte hinsichtlich der beteiligten Mitarbeiter und möglicher Rückzahlungen an die Gäste ein.
Danach änderte ich die Abläufe.
Jeder Gast sollte leicht nachvollziehen können, welche Speisen und Getränke ihm berechnet wurden.
Alles, was „aufs Haus“ ging, musste auch entsprechend erfasst werden.
Und Beschwerden durften nicht länger in irgendeiner Schublade verschwinden.
Bevor Andrei ging, kam er noch einmal zu mir.
Er lächelte nicht mehr.
„Herr Nicolae …“
Ich sah ihn an.
„Es tut mir leid, was ich gesagt habe.“
„Welcher Teil davon?“
Er schwieg.
„Dass Sie mich als alten Knacker bezeichnet haben? Dass Sie mich für arm gehalten haben? Oder dass Sie versucht haben, mich vor den anderen lächerlich zu machen?“
Er senkte den Blick.
„Alles.“
„Wissen Sie, was das eigentliche Problem ist, Andrei?“
„Ja.“
„Nein. Ich glaube, Sie wissen es noch nicht.“
Ich deutete in den Gastraum.
„Das Problem ist nicht, dass Sie den Eigentümer beleidigt haben.“
Er sah mich überrascht an.
„Wäre ich irgendein Rentner gewesen, wäre Ihr Verhalten genauso falsch gewesen.“
Er antwortete nicht.
„Ein Mensch muss dieses Restaurant nicht besitzen, um hier Respekt zu verdienen.“
Ich begann, wieder häufiger vorbeizukommen.
Nicht täglich.
Mit siebzig wollte ich nicht noch einmal die Küche leiten.
Aber ein- oder zweimal in der Woche setzte ich mich in eine Ecke, bestellte etwas und beobachtete den Betrieb.
Ich hängte das Foto von Oana und mir wieder auf.
Nicht an die Stelle des Spiegels.
An einen unauffälligeren Platz.
Darunter brachte ich ein kleines Schild an:
**„Oana und Nicolae — 1984. Der erste Tag.“**
Tisch 7 blieb am Fenster stehen.
Ich wollte das Schild mit ihrem Namen entfernen.
Mihai hielt mich davon ab.
„Lassen Sie es stehen.“
„Warum?“
Er lächelte.
„Manche Reservierungen verfallen nie.“
An unserem nächsten Hochzeitstag kam ich wieder.
Ich trug dasselbe alte Sakko.
Am Ellenbogen war noch immer der Flicken.
Auch dieselbe Einkaufstasche aus dem Dorfladen hatte ich dabei.
Am Eingang stand eine neue Mitarbeiterin.
Sie sah mich an und lächelte.
„Guten Abend. Haben Sie reserviert?“
Ich blickte zu dem Tisch am Fenster.
Das schwarze Schild stand noch dort.
„Ich glaube schon.“
Die junge Frau sah im Reservierungsbuch nach.
Dann lächelte sie erneut.
„Tisch 7?“
„Tisch 7.“
Ich setzte mich.
Ich bestellte zwei Suppen.
Zwei Portionen Frikadellen.
Thymiantee.
Und ein Stück Honigkuchen.
Als die Rechnung kam, setzte ich meine Brille auf.
Der Betrag stimmte genau.
Ich bezahlte.
Dann blieb ich noch einige Minuten sitzen und betrachtete den leeren Stuhl mir gegenüber.
„Ich habe es in Ordnung gebracht, Oana“, flüsterte ich.
Ich wusste, dass sie mir nicht antworten konnte.
Doch zum ersten Mal seit zwei Jahren fühlte sich der leere Stuhl nicht mehr wie eine offene Wunde an.
Er fühlte sich wie eine Erinnerung an.
An jenem Abend, an dem ein Kellner mich wegen meines geflickten Sakkos verurteilt hatte, war ich in das Restaurant gekommen, weil ich glaubte, nur mein letztes Versprechen an meine Frau einzulösen.
Ich verließ es mit einem neuen.
Solange mein Name noch mit diesem Restaurant verbunden sein würde, sollte hier niemand reich, gut gekleidet oder einflussreich sein müssen, um mit Würde behandelt zu werden.
Denn Respekt, den man nur Menschen entgegenbringt, bei denen man Geld vermutet, ist kein Respekt.
Er ist bloß Eigennutz im feinen Anzug.



