Mein Professor ließ mich nach jeder Vorlesung dableiben, bis alle anderen gegangen waren.

Teil 2 – Die Fortsetzung der Geschichte

Professor Marinescu sah mich an. Im nächsten Augenblick veränderte sich sein Gesichtsausdruck völlig, als hätte er erst jetzt begriffen, wie bedrohlich die Situation auf mich wirkte.

„Du hast recht“, sagte er sofort.

Er ging zur Tür, schloss sie auf und öffnete sie weit.

„Es tut mir leid. Das hätte ich nicht tun dürfen. Die Tür bleibt offen. Wenn du gehen möchtest, halte ich dich nicht auf.“

Ich war nur noch wenige Schritte vom Ausgang entfernt, als eine Frau auf dem Flur erschien. Sie war ungefähr sechzig, trug ihr graues Haar zurückgebunden und hielt eine blaue Mappe an die Brust gedrückt. Als sie mich entdeckte, blieb sie stehen.

Beinahe glitt ihr die Mappe aus den Händen.

„Mein Gott …“, flüsterte sie.

Ich drehte mich zum Professor um.

„Wer ist das?“

Die Frau kam langsam näher, hielt jedoch Abstand.

„Ich heiße Adriana Ionescu“, sagte sie. „Ich habe mit deinem Vater studiert.“

Mir zog sich der Magen zusammen.

„Mit meinem Vater?“

„Und mit Robert.“

Professor Marinescu schloss kurz die Augen.

„Emilia, dein Vater und ich waren beste Freunde.“

Ich verstand überhaupt nichts. Mein Vater hatte seinen Namen nie erwähnt.

Adriana öffnete die Mappe und nahm ein altes Foto heraus. Es war vor fast fünfundzwanzig Jahren vor derselben Universität aufgenommen worden. Drei junge Menschen standen nebeneinander und lächelten in die Kamera.

Meinen Vater erkannte ich sofort.

Neben ihm stand Professor Marinescu, deutlich jünger.

Zwischen ihnen war eine junge Frau.

Meine Knie wurden weich.

Die Frau auf dem Bild sah mir verblüffend ähnlich.

„Wer ist sie?“, fragte ich.

Adriana wischte sich über die Augen.

„Meine Schwester Irina.“

Der Professor zog sich einen Stuhl heran, blieb aber auf Abstand.

Nach und nach erfuhr ich ihre Geschichte.

Mein Vater, Robert und Irina waren während des Studiums eng befreundet gewesen. Irina und mein Vater waren mehrere Jahre ein Paar gewesen. Nach ihrer Trennung hatte mein Vater später die Frau kennengelernt, die ich Mama nannte.

Irina war noch vor meiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

„Aber was hat das mit mir zu tun?“, fragte ich.

Adriana sah mich aufmerksam an.

„Genau das versuchen wir herauszufinden.“

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

Zu Beginn des Semesters hatte der Professor meinen Namen auf der Teilnehmerliste entdeckt. „Dumitrescu“ war ihm aufgefallen, doch allein der Nachname hatte ihm noch nichts bewiesen. Dann hatte er mein Gesicht gesehen.

Die Ähnlichkeit mit Irina hatte ihn zutiefst erschüttert.

Deshalb hatte er gefragt, wer mein Vater sei.

Deshalb hatte er mich auf dem Universitätsgelände so angesehen.

Und deshalb hatte er am Telefon gesagt: „Sie ist es ganz sicher.“

Doch ihre Vermutung ging weit über eine zufällige Ähnlichkeit hinaus.

Adriana holte einen Brief aus der Mappe.

„Den habe ich vor ein paar Wochen gefunden, als ich die Wohnung meiner Mutter ausgeräumt habe.“

Irina hatte ihn kurz vor dem Unfall geschrieben. Darin teilte sie ihrer Schwester mit, dass sie dringend mit Daniel über „das Kind“ sprechen müsse.

Mir wurde übel.

„Wollen Sie damit sagen, dass Irina meine Mutter sein könnte?“

„Wir wissen es nicht“, antwortete Adriana sofort. „Und genau das ist wichtig. Ein Foto und ein Brief sind noch kein Beweis.“

Zum ersten Mal wirkte Professor Marinescu nicht geheimnisvoll, sondern beschämt.

„Ich habe mich schrecklich verhalten, Emilia. Ich hätte offen mit dir sprechen müssen, statt dich nach der Vorlesung hierzubehalten. Zuerst wollte ich sicher sein, dass du Daniels Tochter bist. Danach habe ich das Gespräch immer weiter aufgeschoben.

Heute habe ich Adriana gebeten zu kommen, damit wir dir die Unterlagen zeigen können. Aber was ich vor ihrer Ankunft gesagt habe … und dass ich die Tür abgeschlossen habe … das war völlig unangebracht.“

Damit hatte er recht.

Selbst wenn seine Absichten anders gewesen waren, als ich befürchtet hatte, hatte sein Verhalten mir Angst gemacht.

Ich nahm das Foto und ging.

Noch am selben Abend fuhr ich zu meinen Eltern.

Mein Vater wurde blass, als ich das Bild auf den Tisch legte.

Meine Mutter Cristina begann zu weinen.

Dann erfuhr ich die Wahrheit.

Irina war tatsächlich schwanger gewesen, als sie starb.

Aber dieses Kind war nicht ich gewesen.

Mein Vater hatte von der Schwangerschaft gewusst. Es war sein Kind gewesen. Nach dem Unfall hatten die Ärzte weder Irina noch ihr ungeborenes Kind retten können.

Ich war erst fast zwei Jahre später geboren worden, als Tochter meines Vaters und Cristina, die inzwischen verheiratet waren.

„Warum sehe ich ihr dann so ähnlich?“, fragte ich.

Mein Vater fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Weil Irina und deine Mutter Cousinen sind.“

Ich brachte kein Wort heraus.

Cristina erklärte mir, dass die Familien nach Irinas Tod den Kontakt weitgehend verloren hatten. Sie und mein Vater waren sich erst später bei einem Familientreffen nähergekommen. Ihre Beziehung hatte erst nach Irinas Tod begonnen. Trotzdem hatte mein Vater immer befürchtet, dass die Geschichte anders wirken würde, wenn jemand nur die Hälfte davon erfuhr.

Am nächsten Tag rief ich Adriana an. Es folgten Gespräche, alte Urkunden, Fotos und Familienunterlagen. Alles bestätigte die Erklärung meiner Eltern.

Es gab keine verheimlichte Identität und keine geheime Adoption.

Es gab nur eine alte Tragödie, über die die Erwachsenen irgendwann nicht mehr hatten sprechen wollen.

Professor Marinescu entschuldigte sich sowohl offiziell als auch persönlich für sein Verhalten. Ich nahm seine Entschuldigung an, sagte ihm aber etwas, das er vermutlich nicht vergessen hat:

„Wenn Sie einer Studentin helfen wollen, isolieren Sie sie nicht. Schließen Sie keine Tür ab und verlangen Sie nicht, dass sie etwas geheim hält. Ganz gleich, wie gut Sie Ihre Absichten finden.“

Er nickte.

„Du hast recht.“

Einige Monate vor meinem Abschluss schenkte Adriana mir eine Kopie des Originalfotos.

Ich legte sie in ein Familienalbum.

Nicht, weil Irina meine Mutter gewesen wäre.

Das war sie nicht.

Sondern weil sie zur Geschichte meines Vaters gehörte und damit auf gewisse Weise auch zu meiner.

Was mich damals in jenem Hörsaal beinahe zum Weinen gebracht hatte, war kein schreckliches Geheimnis über meine Herkunft gewesen.

Es war das Gesicht einer Frau, die vor fünfundzwanzig Jahren gestorben war. Und die Erkenntnis, warum ein Professor, der sie wie eine Schwester geliebt hatte, kein Wort mehr herausgebracht hatte, als ich zum ersten Mal seinen Hörsaal betrat.

(Visited 1 times, 1 visits today)