Der Preis des Wunders

Die kleine Tanja schlich in ihr Schlafzimmer, zog aus einem geheimen Versteck im Schrank ein altes Einmachglas,

schraubte den Deckel ab und ließ die darin angesammelten Münzen auf das Bett rieseln. Sie hatte sie über lange Zeit sorgfältig gespart.

Mit großer Konzentration zählte sie sie einmal, dann noch einmal und ein drittes Mal. Die Summe stimmte jedes Mal.

Ein Fehler war unmöglich.

Vorsichtig legte sie die Münzen zurück, schloss das Glas fest zu, und schlüpfte unbemerkt aus dem Haus, um zur zentralen Apotheke ihres kleinen Städtchens zu laufen, die sechs Blocks entfernt lag.

Durch den nassen Schnee rennend, die Wangen vor Kälte und Aufregung gerötet, betrat Tanja die Apotheke, die nach Kräutern, Salben und Heilmitteln duftete.

Sie ging zum Tresen und bemerkte den Apotheker, der abseits stand und angeregt mit einem Mann sprach.

Geduldig wartete sie, bis er sie bemerkte, doch er war zu sehr in sein Gespräch vertieft, um ihr Aufmerksamkeit zu schenken.

Nach einer Weile tappte sie mit ihrem kleinen Stiefel über das Linoleum, so dass es knirschte, und hoffte, den Mann zu alarmieren. Vergeblich.

Dann räusperte sie sich und versuchte den schaurigsten Ton zu erzeugen, zu dem sie fähig war – wieder ohne Erfolg.

Schließlich zog sie die Fäustlinge aus, die an einem Gummiband unter ihrem Kunstpelz hingen,

holte das Glas mit dem Münzgeld aus ihrem Mantel und schüttete die Münzen auf den Glas-Tresen.

Es funktionierte.

Der Apotheker drehte sich verärgert um und fragte mit gereiztem Ton:

— Und was willst du?

Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort:

— Ich spreche gerade mit meinem Bruder aus Moskau, den ich seit hundert Jahren nicht gesehen habe!

— Ich möchte mit meinem Bruder sprechen, — entgegnete Tanja mit genau demselben gereizten Unterton.

— Er ist sehr, sehr krank, und ich möchte ein Wunder kaufen!

— Was, was? — fragte der Apotheker ungläubig.

— Er heißt Andruscha. Etwas Schlimmes wächst in seinem Kopf, und Mama sagt, nur ein Wunder kann ihn retten. Sagen Sie mir, wie viel ein Wunder kostet!

— Wir handeln hier nicht mit Wundern, Mädchen. Tut mir leid, ich kann dir nicht helfen, — sagte der Apotheker und milderte seine Stimme leicht.

— Hören Sie, ich habe Geld dafür. Und wenn es nicht reicht, finde ich noch mehr. Sagen Sie mir nur, wie viel!

Der Bruder des Apothekers, ein gut gekleideter, seriöser Mann, beugte sich zu dem kleinen Mädchen hinab und fragte:

— Was für ein Wunder braucht dein Bruder?

— Ich weiß es nicht, — antwortete Tanja. — Mama sagt, er ist sehr krank und nur ein Wunder kann helfen.

Er braucht eine Operation, und Papa hat kein Geld. Ich dachte, vielleicht reichen meine Münzen.

— Wie viel Geld hast du? — fragte der Mann.

— Dreißig Rubel und dreißig Kopeken! — rief Tanja deutlich. — Das ist alles, was ich habe, aber wenn nötig, besorge ich mehr.

— Welch wundersame Fügung! — lächelte der Mann. — Dreißig Rubel und dreißig Kopeken – genau der Preis für ein Wunder für kleine Brüder.

Er legte das Kleingeld in eine Hand, nahm mit der anderen ihren Fäustling und sagte:

— Zeig mir, wo du wohnst. Ich möchte deinen Bruder sehen und deine Eltern kennenlernen. Dann sehen wir, ob ich das Wunder habe, das du brauchst.

Der gut gekleidete Mann entpuppte sich als der bekannte Neurochirurg Fedorow aus einer großen Klinik der Hauptstadt.

Er führte eine kostenlose Operation an Tanjas Bruder durch, und schon bald kehrte Andruscha völlig gesund nach Hause zurück.

Die glücklichen Eltern saßen zusammen und sprachen über das erstaunliche Zusammentreffen von Umständen, das ihnen solche Freude gebracht hatte.

— Dieser Chirurg war ein wahres Wunder! — flüsterte die Mutter. — Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie viel das gekostet hätte.

Tanja lächelte. Sie wusste genau, was dieses Wunder gekostet hatte… dreißig Rubel und dreißig Kopeken… plus der Glaube einer kleinen Schwester.

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