— Lenka, bist du verrückt geworden? — rief die Nachbarin, Baba Walja, gegen den schneidenden Wind an.
In ihren dicken Wollschal gehüllt, lugte sie vorsichtig über den Zaun, bekreuzigte sich hastig und schüttelte den Kopf.
— Es ist November! Der Boden ist doch steinhart gefroren! Wer pflanzt denn bei so einer Kälte noch etwas ein?
Ich zog meinen Handschuh fester über die Finger und prüfte, ob er dicht saß. Der Wind biss tatsächlich bis auf die Knochen, aber mir war heiß. Eine andere Hitze brannte in mir.
— Ich pflanze nichts, Walja, — sagte ich und sah ihr direkt in die Augen.
— Ich grabe aus.
Noch vor einer Woche hatte ich diese Rosen sorgfältig mit zwei Lagen Vlies abgedeckt. Hatte ihre stacheligen Zweige behutsam gestreichelt und ihnen eine milde, schneereiche Winterruhe versprochen.
Fünf Jahre zuvor, als ich zum ersten Mal mit meinem Mann Oleg zur Datscha seiner Mutter kam, war dieses Grundstück nichts weiter als ein Sumpf gewesen.
Ein echter Sumpf — mit Schilf, schwarzem Schlamm und Mücken so groß wie Spatzen.
Meine Schwiegermutter, Anna Petrowna, hatte damals nur müde mit der Hand gewinkt.
— Ach, Lenotschka, mach doch, was du willst. Ich habe keine Kraft mehr, gegen diesen Lehm anzukämpfen.
Und ich begann meinen Kampf.
Jede Prämie, jeden Nebenverdienst brachte ich hierher. Nicht in Reisen, nicht in Pelzmäntel, sondern in diesen schweren, widerspenstigen Boden.
Ich ließ Lastwagen mit fruchtbarer Schwarzerde anfahren, engagierte Landschaftsgärtner, bestellte seltene Sorten aus spezialisierten Baumschulen.
Oleg lachte nur.
— Du hättest Agronomin werden sollen.
Aber wenn wir im Sommer auf dem smaragdgrünen Rasen grillten, unter dem Schatten meiner perfekt gewachsenen Thuja-Hecken, aß er mit Begeisterung und lobte den „wunderschönen Garten“.
Bis zu diesem November war das Grundstück, nüchtern gerechnet, gut anderthalb Millionen Rubel wert. Nicht wegen des Bodens — der war hier fast nichts wert.
Sondern wegen dessen, was darauf gewachsen war. Ein ausgewachsener Garten. Mein Garten.
Das Unwetter kam getarnt als familiäre Gemütlichkeit.
Am vergangenen Sonntag saßen wir bei Anna Petrowna am Tisch. Kartoffeln dampften, Olegs Lieblingskekse lagen ordentlich in einer Glasschale.
Am anderen Ende des Tisches saß seine Schwester Irina — fünfunddreißig Jahre alt und seit jeher das „arme Mädchen mit Problemen“.
Sie stocherte in ihrem Essen herum und sah so bemitleidenswert aus, dass klar war: Es ging um Geld.
— Lenotschka, Oleg, — begann meine Schwiegermutter mit jener sanften Stimme, bei der bei mir sofort alle Alarmglocken schrillten.
— Wir haben mit Irina gesprochen… Sie steckt in einer schwierigen Lage. Kredite, die Bank ruft ständig an. Wir müssen helfen.
Ich spannte mich an, schwieg aber. „Helfen“ bedeutete in der Regel, dass Oleg und ich zahlen sollten.
— Also habe ich beschlossen, die Datscha zu verkaufen, — sagte Anna Petrowna schließlich und sah mich dabei nicht an.

— Grundstücke sind gerade gefragt. Und dank Lena ist alles gepflegt. Der Makler meinte, mit so einem Garten können wir einen guten Preis erzielen.
Irina kann ihre Schulden begleichen und sogar eine Anzahlung für eine kleine Wohnung leisten.
Es wurde still im Raum. Oleg hörte auf zu kauen. Ich legte meine Gabel hin; Glas klirrte leise.
— Verkaufen? — fragte ich ruhig, obwohl meine Finger kalt wurden.
— Anna Petrowna, Sie wissen doch, wie viel ich investiert habe. Allein das Gewächshaus hat fünfundvierzigtausend gekostet. Und die Thuja? Die Hortensien?
Sie lächelte gönnerhaft, als erklärte sie einem Kind eine einfache Wahrheit.
— Lenotschka, wozu brauchst du all diese Sträucher? Du ruinierst dir nur den Rücken. Wir sind doch eine Familie. Irina braucht es dringender, sie hat Kinder. Ihr seid jung, ihr verdient euch schon etwas Neues.
Und außerdem — das Grundstück gehört mir.
— Das Grundstück gehört Ihnen, — stimmte ich zu.
— Aber alles, was ich darauf gepflanzt und bezahlt habe, gehört mir. Entweder ich bekomme die Hälfte des Verkaufserlöses — oder ich nehme meine Investitionen mit.
Irina schnaubte.
— Hast du etwa alle Belege aufgehoben? Wie kleinlich! Fünf Jahre kostenlos dort gewohnt, die Luft genossen — und jetzt handelst du?
— Ja, ich habe sie aufgehoben.
Ich legte einen dicken Ordner auf den Tisch. Der Plastikdeckel klappte laut auf.
— Hier ist alles dokumentiert. Vom ersten Sack Dünger bis zur letzten Terrassenplatte.
— Ach, hör auf! — fuhr meine Schwiegermutter mich an. Die Sanftheit war verschwunden, ihre Stimme scharf wie Schmirgelpapier.
— Was in meinem Boden wurzelt, gehört mir. Gott hat gesagt, man soll teilen. Sei nicht gierig.
Im Frühjahr kommen die ersten Interessenten. Räum schon mal ordentlich auf, damit alles verkaufsfertig aussieht.
Ich sah Oleg an. Er studierte plötzlich intensiv das Muster auf seinem Teller.
— Mama hat recht, Lena… Irina braucht wirklich Hilfe.
In diesem Moment brach in mir etwas, das fünf Jahre lang nur aus Geduld bestanden hatte.
Drei Nächte schlief ich nicht.
Vielleicht sollte ich es einfach lassen? Geld ist nicht alles.
Doch dann stellte ich mir fremde Menschen auf meinem Rasen vor.
Wie Irina mit meinem hart erarbeiteten Geld ihre Schulden tilgte. Wie meine Arbeit zu bloßer „Verkaufsoptik“ degradiert wurde.
Am Samstagmorgen fuhr ich allein zur Datscha.
Ich stand am Tor und betrachtete meine Thuja „Smaragd“. Vor fünf Jahren waren es dünne Zweige gewesen. Jetzt ragten sie zwei Meter hoch in den Himmel.
Die Hortensien schliefen unter ihrer Abdeckung. Das Gewächshaus — mein kleines Raumschiff aus Polycarbonat — glänzte im fahlen Novemberlicht.
Das war nicht nur Besitz. Das war meine Zeit. Meine Kraft.
Eine kleine Lastwagen-Gazelle rollte vor. Zwei kräftige Männer sprangen heraus.
— Die Eigentümerin? — fragte einer mit tiefer Stimme.
— Alles ausgraben, — sagte ich ruhig und öffnete das Tor weit. — Streng nach Liste. Wir beginnen mit den Thuja.
Der erste Spatenstich in den gefrorenen Boden klang wie der Auftakt zu einem neuen Leben.
Ohne Pause arbeiteten sie.
Zweihundert-Liter-Bausäcke standen bereit. Mit Wurzelballen und Muttererde wanderten meine Investitionen hinein.
— Vorsichtig mit den Wurzeln, — sagte ich ruhig. — Sie sollen den Umzug überleben.
Rosen, Wacholder, riesige Hostas, das Gewächshaus — alles wurde abgebaut, sorgfältig verstaut.
Als wir fertig waren, dämmerte es bereits.
Vom smaragdgrünen Paradies war nichts geblieben. Nur Lehm, Löcher, schwarze Erde.
— Sieht aus wie nach einem Taifun, — murmelte der Fahrer.
— Kein Taifun, — antwortete ich. — Eine Buchhalterin. Soll und Haben sind ausgeglichen.
Eine Woche später trennten Oleg und ich uns. Für ihn waren es nur Sträucher gewesen. Für mich war es Verrat.
Im Frühjahr verkaufte ich die Pflanzen an Landschaftsgärtner. Alles auf einmal. Die Summe reichte für die Anzahlung einer eigenen Wohnung.
Im April rief Anna Petrowna an. Der Makler hatte Interessenten gebracht — versprochen war ein „paradiesischer Garten“.
Gefunden hatten sie eine umgegrabene Brache. Die Käufer gingen sofort wieder.
— Du hast unseren Garten gestohlen! — schrie sie ins Telefon.
— Ich habe mein Eigentum zurückgenommen, — antwortete ich ruhig. — Alles ist belegt.
Dann legte ich auf.
Die Datscha wurde nie verkauft.
Und ich?
Ich sitze jetzt in meiner eigenen Wohnung, mit einer großen Loggia. Gestern habe ich dort die ersten Petunien gepflanzt.
Meine.
Auf meinem Boden.
Und sie blühen heller, als es irgendein fremder Garten je gekonnt hätte.



