Wasch die Wäsche meiner Mutter sie ist müde befahl der Mann ohne zu merken dass seine Frau bereits die letzten Sachen in den Koffer packte

— Wo ist mein Hemd? Das weiße, das ich gestern anhatte! — Pawels Stimme hallte durch die Wohnung, kaum dass er die Schwelle des Schlafzimmers überschritten hatte.

Natalja erstarrte vor dem Kleiderschrank. In ihren Händen hielt sie einen Pullover — das letzte Stück, das noch in den Koffer musste.

Der Koffer auf dem Bett stand offen wie ein gieriger Schlund, ordentlich gefaltete Kleidung füllte fast den gesamten Raum.

Nur noch ein Handgriff — und der Reißverschluss würde sich schließen. Für immer.

— Wahrscheinlich im Wäschekorb, — antwortete sie, ohne sich umzudrehen.

— In welchem Wäschekorb denn? Ich brauche es heute! Ich habe ein Treffen mit Investoren, hast du das etwa vergessen?

Er stürmte ins Zimmer, und Natalja spürte, wie die Luft dichter wurde. Pawel war ganz in seinem Element:

Anzug ohne Krawatte, die Haare lässig nach hinten gestrichen, im Gesicht der Ausdruck eines Mannes, der überzeugt war, die Welt schulde ihm Dankbarkeit auf Lebenszeit.

— Wasch meiner Mutter die Wäsche, sie ist müde! — warf er hin, ohne sie anzusehen. — Und bring mein Hemd in Ordnung. Ich fahre in einer Stunde los.

Langsam legte Natalja den Pullover in den Koffer. Vierunddreißig Jahre alt.

Zwölf davon verheiratet mit diesem Mann. Sie erinnerte sich daran, wie er sie einst seine Muse genannt hatte.

Wie er versprach, ihr die Welt zu zeigen. Wie er sie ansah, als sei sie der einzige Stern am Himmel. Und jetzt…

jetzt war sie nur noch eine Dienstmagd. Nicht nur für ihn.

— Deine Mutter wohnt drei Straßenbahnstationen entfernt, — sagte Natalja leise. — Sie hat eine Waschmaschine.

Pawel drehte sich endlich zu ihr um. Sein Blick fiel auf den Koffer. Auf die sorgfältig gestapelten Kleider.

Auf die Kosmetiktasche auf dem Nachttisch. Ein paar Sekunden Stille.

— Was soll das?

— Das, wonach es aussieht.

Er grinste. Er glaubte ihr nicht — genau das spiegelte sich in seinem Gesicht. Unglaube, gewürzt mit Verachtung.

— Schon wieder deine Dramen? Natascha, ich habe keine Zeit. Verschieben wir dieses Theater auf heute Abend, ja?

Pack deine Sachen zurück, ich komme heim — dann reden wir.

— Es wird keinen Abend geben.

Sie schloss den Koffer und zog den Reißverschluss zu. Das Klicken klang überraschend laut.

Pawel trat näher. In seinen Augen erschien etwas Neues — keine Angst. Eher Ärger. Als wäre sie ein defektes Gerät, das im ungünstigsten Moment versagte.

— Wovon redest du? Habe ich etwas Falsches gesagt? Na gut, entschuldige. Ich habe nur gebeten, meiner Mutter zu helfen. Ihr Blutdruck spielt verrückt.

— Und ich bin nicht müde?

— Natascha, du bist doch zu Hause! — Er breitete die Arme aus. — Ich arbeite von morgens bis abends, damit es uns gut geht, und du…

— Ich?

Sie nahm den Koffer vom Bett und stellte ihn auf den Boden. Die Rollen glitten leise über das Parkett.

Sie ging an ihm vorbei Richtung Tür, doch er stellte sich ihr in den Weg.

— Halt. Erklär mir, was hier los ist.

— Nichts ist los, Pascha. Ich gehe einfach.

— Wohin? — Er kniff die Augen zusammen. — Zu deiner Mutter? Zu deiner Schwester?

Großartige Idee, wenn man bedenkt, dass deine Ksjuša selbst dreimal geschieden ist.

In Natalja riss etwas. Nicht schmerzhaft — eher erleichternd. Als hätte sie eine Last getragen, die endlich zu Boden fiel.

— Es ist egal wohin. Wichtig ist nur: weg von dir.

Ein paar Sekunden schwieg er. Dann lachte er kurz, nervös.

— Gut. Nehmen wir an, du gehst. Und dann? Wann hast du zuletzt gearbeitet? Vor fünf Jahren? Sechs? Wovon willst du leben?

— Ich komme zurecht.

— Nataschenka, — sein Ton wurde weicher, beinahe zärtlich. — Lass uns keine Dummheiten machen.

Vielleicht bist du einfach erschöpft. Fahr doch mal weg. Soll ich dir eine Reise buchen? Türkei vielleicht? Das Wetter ist gut.

— Ich brauche keine Reise.

— Was brauchst du dann? Sag ehrlich, was stimmt nicht? Habe ich etwas getan?

Sie sah ihn an. Diesen attraktiven, erfolgreichen, selbstsicheren Mann. Und plötzlich wirkte er leer. Wie eine schöne Vase ohne Blumen.

— Du hast nichts getan, — sagte sie langsam. — Genau das ist das Problem. Du hast nichts getan. Du warst einfach nur da — und dachtest, das reicht.

— Um Himmels willen, schon wieder Philosophie! — Er fuhr sich durchs Gesicht.

— Ich habe in einer Stunde einen Termin und muss anständig aussehen, und du fängst Streit an!

— Geh zu deinem Termin.

Sie ging in den Flur, zog die Jacke an. Die Schlüssel legte sie demonstrativ auf die Kommode.

— Du wirst es bereuen! — rief er ihr nach. — Du wirst auf Knien zurückkommen!

Die Tür fiel ins Schloss. Der Aufzug kam sofort. Leer. Kalt. Natalja betrachtete ihr Spiegelbild in den metallischen Türen.

Blasses Gesicht. Müde Augen. Ein unordentlicher Pferdeschwanz.

Wann hatte sie zuletzt einfach nur in den Spiegel geschaut, um sich selbst zu sehen?

Draußen war es frostig. Sie wählte eine Nummer.

— Ksju, bist du zu Hause?

— Natascha? Was ist passiert?

— Kann ich zu dir kommen? Nur bis ich eine Wohnung finde.

Pause. Dann leise:

— Du bist von ihm weg?

— Ja.

Noch eine Pause.

— Komm. Ich warte.

Die Metro war überfüllt. Menschen drängten, telefonierten, starrten auf Bildschirme. Natalja stand an der Tür und hielt ihren Koffer fest.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie keine Freude — aber Ruhe. Als wäre ein Sturm vorübergezogen.

Pawel schrieb. „Komm zur Vernunft. Das ist alles die Schuld deiner Schwester.“

Sie löschte die Nachricht.

Ksjuša öffnete die Tür sofort. Sah den Koffer. Sah Natalja. Und umarmte sie wortlos.

Die kleine Einzimmerwohnung war warm und gemütlich. Bücherregale. Blumen.

Fotos. Natalja setzte sich aufs Sofa und spürte, wie erschöpft sie war — nicht körperlich, sondern innerlich.

Sie erzählte. Von der schleichenden Kontrolle. Vom Geld. Von der Isolation. Von seiner Mutter, die sie nie akzeptiert hatte.

— Er hat mich isoliert, — sagte sie leise. — Und ich habe es nicht bemerkt.

Am Abend stand Pawel vor der Tür. Schrill klingelnd. Fordernd.

— Mach auf! Ich weiß, dass Natascha da ist!

Ksjuša drohte mit der Polizei. Er ging.

Doch er hörte nicht auf. Nachrichten. Drohungen. Bitten. Dann rief seine Mutter an.

— Wegen so einer Kleinigkeit? Nur weil er um Hilfe gebeten hat?

Natalja schwieg.

— Das Schlimmste ist, — sagte sie später, — dass ich fast geglaubt habe, ich sei das Problem.

— Du warst nie das Problem, — sagte Ksjuša.

Am nächsten Tag begann sie Bewerbungen zu schreiben. Zwei Tage später ein Vorstellungsgespräch.

Dann der Anruf eines Maklers. Pawel wolle die Wohnung verkaufen.

Natalja verstand. Er wollte Druck ausüben.

In dieser Nacht kam ihr ein Gedanke.

Was, wenn sie einfach ginge? Nicht kämpfen. Nicht streiten. Einfach verschwinden.

Am Morgen öffnete sie die Karte auf ihrem Handy. Ihr Finger blieb am Schwarzen Meer hängen.

Sotschi.

Meer. Sonne. Ein Neuanfang.

— Du bist verrückt, — sagte Ksjuša.

— Vielleicht. Aber lieber verrückt als zerbrochen.

Sie hatte ein kleines geheimes Konto. Zweihunderttausend. Für den Anfang genug.

Zwei Tage später saß sie im Zug Richtung Süden.

„Du wirst es bereuen. Ohne mich bist du nichts“, schrieb Pawel.

Sie löschte die Nachricht. Schaltete das Handy aus.

Sotschi empfing sie mit warmem Regen und salziger Luft. Sie atmete tief ein — und lächelte.

Erste Woche im Hostel. Dann Arbeit in einem Café an der Promenade. Die Beine schmerzten, doch ihr Herz war leicht.

Nach einem Monat mietete sie ein kleines Zimmer bei einer älteren Frau, Nina.

— Vom Mann weggelaufen? — fragte Nina.

Natalja nickte.

— Gut so, — sagte Nina. — Ich habe mich nie getraut.

Pawel ließ schließlich die Scheidung einreichen. Natalja unterschrieb alles. Sie verlangte nichts.

Im Frühling fand sie Arbeit in einem kleinen Reisebüro. Begann Yoga. Englischkurse. Traf Roman, einen Bergführer mit warmen Augen.

— Du wirkst, als kämst du aus einer anderen Welt, — sagte er.

— Tue ich auch.

Eines Abends am Meer löschte sie die alten Fotos. Hochzeit. Reisen. Feste. Auf jedem Bild lächelte sie — aber ihre Augen waren leer gewesen.

— Was machst du? — fragte Roman.

— Mich befreien.

Sie sah aufs Meer hinaus. Irgendwo dort hinten lag ihr altes Leben. Fern. Fremd.

Hier waren Wellen. Sonne. Freiheit.

Und sie selbst.

Zum ersten Mal wirklich sie.

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